Review: Dynamite Deluxe – “TNT”

Deutschland, HipHop, Review 2 Comments

“Der Thron Ist Meiner”. “Mein Flow Ist”. “Newcomer Des Jahres”. Puh. Als ich vor zwei Wochen erstmals die Tracklist zum ersten großen Rapereignis des Jahres in Händen hielt, überkam mich die Angst, Dynamite Deluxe könnten in eine ähnliche Falle tappen wie Kool Savas, der - bei aller technischer Virtuosität - auf seinem letzten Album arg verkniffen wirkte. All or Nothing also? Und würden Samy, Tropf und DJ Dynamite es schaffen, den Bogen von ’00 zu ’08 zu schlagen, um den Rap-Hörer von heute anzusprechen, aber gleichzeitig “Deluxe Soundsystem”-Nostalgiker nicht zu enttäuschen? Dementsprechend entwickelte sich im Vorfeld zu “TNT” entweder eine übertriebene Erwartungshaltung, die von dem Album mindestens die Rettung des deutschen HipHops verlangte, oder aber Unkenrufe, DD könnten sich wie die viele andere Ikonen aus scheinbar längst vergangener Zeit mit einer Art Reunion lächerlich machen. Ich mein, seien wir mal ehrlich: Fugees, Wu-Tang, Public Enemy – wir kennen die Namen.  Und dann auch noch die Singles! “Boombox” – Samy ist zurück, endlich ist echter HipHop wieder da! “Dynamit!” – oh nein, der geldgierige Kommerz-Samy zeigt abermals seine hässliche Fratze! Und wer diese Darstellung für übertrieben hielt, der möge sich doch bitte schnell die einschlägigen YouTube-Comments ansehen.

Aber bereits bei den ersten beiden Tracks wischt man diese Gedanken beiseite und begibt sich ganz ins Hier und Jetzt. “Erster Song” setzt da ein, wo das “Deluxe Soundsystem”-Outro “Bis Dato” aufgehört hat; das selbe Sample, aber eine epochalere Umsetzung. In Track Nummer Zwei, dem eingangs erwähnten “Newcomer Des Jahres“, serviert Samy über einem furztrockenen Instrumental samt Acapella-Momente auch gleich Parts, die einige Nachwuchsrapper verschämt in die Ecke schicken dürften: “Ihr Rapper seid wirklich funny, redet von Ice und von Money, doch deine kleine Kette gibt’s bei Snipes für’n Zwanni“.  Yeah.  Tropf und Dynamite vermeiden es auch die ganze Spielzeit über erfreulich konsequent, sich irgendeinem Zeitgeist anzubiedern. Natürlich klingt das alles genauso modern, wie es sich für ZwoAcht verdammtnochma gehört, aber das kohärente Soundbild wird immer wieder mit richtig feinen Ideen angereichert, die “TNT” genauso aus der Masse hervorstechen lassen wie seinerzeit das Erstlingswerk. Da wären zum Beispiel “Weiter” und “Mein Problem (Take It Easy)” zu nennen, die beide offensichtliche Dancehall- und Reggae-Elemente aufweisen. Aber während Ersteres eine designierte Club-Bombe darstellt (wenn es nicht so gar nicht angesagt wäre, deutschen Rap aufzulegen), ist Letzteres nach anfänglicher Skepsis zu einem richtig coolen Liebeslied angewachsen, das hoffentlich als dritte Single ausgekoppelt wird. Positiv fällt außerdem das Outro “Letzter Song” mit seinem dezenten Bossa Nova-Vibe und den Auto-Tune-Spielereien (et tu, Samy?) auf.

Überhaupt, Samy. Der Baus of the Nauf variiert seinen Flow auf “TNT” viel häufiger, als man es von seinen letzten Werken gewohnt war und wirkt generell viel experimentierfreudiger und gelöster, so dass ihm bei jeder Silbe der Spaß an der Sache deutlich anzumerken ist. Von Stakkato-Raps auf “Newcomer des Jahres” über Hochgeschwindigkeits-Übungen auf “Weiter” bis hin zu “Dynamit!”, wo Samy mehr den Master of Ceremony im ursprünglichen Sinne als den Rapper gibt, schöpft er sein gesamtes Repertoire aus. Mein Favorit – neben “Boombox” natürlich – bleibt aber “Komma Klar”, auf dem Samy im ultra-arroganten und endlos genervten Tonfall seinem persönlichen Stan klar macht, dass der Baus jetzt keinen Bock mehr auf Quatschen hat, wenn es doch mit den Frauen im Club so viel zu besprechen gibt. “Und ich schwör es bei dem Namen meiner Mutter, wenn du schlau bist legst du niemals den Arm um meine Schulter”.

Ausfälle sind auch nach dem siebten Durchlauf nicht auszumachen. Zugegeben, “Bis Hierher”, die Reminiszenz an vergangene Tage mitsamt etwas nervigem Leierflow hätte es nicht zwingend gebraucht, und “Ab Und Zu” will auch nicht so recht zünden. Bei den restlichen Tracks allerdings haben Samy, Tropf und DJ Dynamite die Meßlatte für die kommenden Deutschrap-Schwergewichte in 2008 (wie zum Beispiel Sido oder Curse) verdammt hoch gelegt. Klar, der beinharte Mongo Clikke-Fan, der immer noch nicht verstanden hat, dass 2000 schon eine Weile vorbei ist, wird von diesem Album (wieder mal) enttäuscht sein. Wer sich jedoch von seiner Erwartungshaltung lösen kann und nicht wie viele Kritiker der allzu offensichtlichen Versuchung erliegt, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, der wird eine Menge Spaß mit “TNT” haben. Das nächste Album aber bitte vor 2016. Wir sehen uns dann auf der Tour.

09/10

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Dynamite Deluxe: “TNT”

Singles: “Boombox”; “Dynamit!”

(flo)

Chris Read – The Diary

Allgemein, HipHop, Review No Comments

Chris Reads

Eigentlich sollte ich für meine Bio- und Chemieklausuren lernen, ich nehme mir jedoch kurz Zeit, um auf eine einmalige MixCD hinzuweisen. Der britische DJ Chris Read, bekannt aus der BBC-Radioshow “1Xtra”, hat mit “The Diary”, die bezeichnenderweise den Untertitel “The Worlds Greatest Rap Megamix” trägt, einen echten MixCD Klassiker veröffentlicht. Er mixt sehr smooth das Beste von 1979 – 2007 zusammen. Und mit “Das Beste” ist straighter Rapscheiss gemeint, keine Clubmucke a la Young Jeezy und Konsorten. Die insgesamt 801 Tracks auf etwa 76 Minuten sind allesamt als Classic Records zu bezeichnen; wenn man mal angefangen hat, die CD anzuhören, kann man nicht mehr aufhören, da sich immer – vor allem gegen Ende – eine gewisse Spannung aufbaut, was er noch als Nächstes auspacken könnte. Das Ganze ist eine nette Geschichtsstunde, vor allem auch für die jüngeren Leser. Herr Reads zeigt auch beträchtliche Mixing-Skills, da es nicht einfach ist, ca. zehn Tracks/Minute zu spielen und das Ganze zu einem Easy Listening-Gesamtwerk zu verschmelzen. Nebenbei arbeitet er noch mit vielen Layers: “Sound Of Da Police” über Jerus “Come Clean”und “I Got 5 On It”, sowas will der geneigte Nerd hören :D . Meine Empfehlung ist: Holt euch das Ganze, weil es eine sehr runde Mischung und gute Demonstration von DJ-Skills ist; entweder als CD über HHV.de (support the DJ), oder als Download von seiner Labelsite(klick me). Hier ist auch noch die “Handy Haters FAQ” ganz lustig zu lesen und es gibt ein Booklet als PDF. Ich werde mir das ganze als CD bestellen, weil es sich wirklich um ein schönes Stück Musikgeschichte gemixt handelt.

(Martin)

Encore

Clubsounds, Eastcoast, HipHop, Soul & Funk No Comments

Aller Skepsis und einschlägiger Hateria zum Trotz: Mit “American Gangster” hat Jay-Z – neben Common’s “Finding Forever” natürlich – das stärkste HipHop-Album 2007 abgeliefert und ist bemerkenswert knapp am Klassiker-Status vorbeigeschrammt. Sean “Ich kauf meine Firmen nur noch in Bar” Carter ist daher auch so ziemlich der einzige Mensch, dem ich diese Live-Video-Sache verzeihe. Zur neuen Single “Pray” hätte ich mir zwar ein Konzeptvideo samt Beyonce im knackigen Betschwestern-Outfit gewünscht, aber ich seh schon ein, dass gewisse Dinge einfach nicht machbar sind, wenn man gerade die Staaten rauf und runter tourt. Dass bei der ganzen Sache trotzdem ein sehenswertes Video herausgesprungen ist, ist zum einen Verdienst einer sehr dynamischen Schnitt- und Kamera-Arbeit, zum anderen natürlich liegt das an Grey Hova selbst, der mit einer äußerst engagierten Live-Performance (mit Band!) klar stellt, wer hier gleich nochmal der König ist. Egal, wie sehr Weezy am Thron rumsägt und egal, wie viele Diss-Mixtapes dieser Peedi Crack aufnimmt. Als Track an sich ist “Pray” natürlich unverschämt stark geraten – wohl das epochalste Intro, das Jigga jemals aufgenommen hat. “This is why I be so fresh, I’m trying to beat life cause I can’t cheat death.” Dieser Typ geht nirgendwo hin.

Jay-Z – “Pray” (Video)

(Hier gibt es übrigens einen ziemlich coolen “99 Problems”-Remix auf einem Instrumental der Dap-Kings.)

50 Cent pocht im Moment ebenfalls darauf, nicht so sehr weg zu sein, wie es das halbe Internet gerne hätte. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass plötzlich beinahe täglich ein neuer Track aus dem angekündigten, aber wohl niemals erscheinenden G-Unit-Album “Shoot To Kill” geleaked im Netz landet. Den jüngsten Wurf “Bottom Girl” würde ich vom Beat her eher in Oxnard, CA, als in Jamaica, NY, verorten, was der Gruppe aber nur gut tut, angesichts der etwas monotonen Soundentwürfe, die die Mitglieder der Guerilla Unit auf ihren letzten Soloalben vorgelegt haben. Demzufolge ist “Bottom Girl” auch ein richtig cooler Popsong geworden, durch den ich so langsam zu glauben beginne, bei Fifty’s nächstem Soloalbum “Before I Self Destruct” handelt es sich wirklich um das angekündigte “Soul-Album mit introspektiven Texten”. Der andere Track “I’m Leaving” dürfte wohl weniger Album-Material sein als einfach ein weiterer Fat Joe-Diss, um nicht aus der Übung zu geraten. Gut ist das Teil auf alle Fälle geraten, und ich muss den Kollegen von nahright.com zustimmen, die da sagen: “As usual, Curtis’ shit-talk at the end > his verse.” Wie Fifty Joey Crack nämlich eine Wegbeschreibung zu seinem Studio am Madison Square gibt, um die Sache ein für alle Mal zu regeln, ist einfach nur noch hilarious. “And I’m easy to find, nigga. You can’t find me? Look in the motherfucking yellow pages”. Gut, dass das geklärt wäre. Beide Tracks sind übrigens ohne den mittlerweile zu Cash Money Records abgewanderten Young Buck.

G-Unit – “Bottom Girl”

G-Unit – “I’m Leaving (Fat Joe Diss)”

Nur, damit es nicht unter den Tisch fällt: Das Video zur ersten offiziellen Erykah Badu-Single “Honey” ist – wie der Song selbst, der allerdings schon seit letztem Spätsommer im Netz zirkuliert – natürlich eine verdammte Sensation. Ich bin bloß sauer, dass das Video genau einen Tag nach meinem Erykah-Feature im Internet landet.

Erykah Badu – “Honey” (Video)

(Wollen wir mal hoffen, dass das Video lange genug auf YouTube bleibt – Universal beanstandet momentan Videos wie ein Motherfucker.)

(flo)

Badlib

Sonstiges, Soul & Funk 2 Comments

Hierzulande sind bekanntlich schon einige Künstler aus dem NeoSoul-Bereich von selbsternannten Trendjournalisten zum Hype hochgejazzt worden, angefangen von D’Angelo über Macy Gray und Lauryn Hill bis hin zu Joss Stone. An Erykah Badu, mit der verdientesten Vertreterin ihres Genres, ist diese “Ehre” bislang noch vorüber gegangen, was neben dieser Five-Percenters-Geschichte (ich mein, wie will man das auch erklären…) unter anderem daran liegen dürfte, dass die 31-Jährige sich beharrlich weigert, in irgendwelche Schubladen geschoben zu werden. Lieber chillt sie mit Beat Konducta Madlib, mit dem Erykah eine ganz besondere Chemie am Start zu haben scheint. Nach dem bereits im letzten Jahr geleakten “Real Thing” ist jetzt nämlich mit “The Healer” ein weiteres Bömbchen im Netz gelandet, das alle kategorisierungswütige Musikschreiberlinge dieser Erde schlicht in die Verzweiflung treiben dürfte. Denn was da vor sich geht, kann ich nach dem mittlerweile sechsten Durchlauf immer noch nicht so recht sagen. Erykahs Gesang schwebt geradezu sphärisch über Madlibs fernöstlich angehauchtem Instrumental, und mehr passiert da eigentlich nicht, weswegen ich immer noch nicht erklären kann, warum genau das jetzt so geil ist. Besser nochmal reinziehen, und nochmal, und nochmal… Das erste von drei Alben in diesem Jahr (!) kommt übrigens am 26.02., hat allerdings noch keinen Titel. Ist ja auch noch Zeit.

Erykah Badu – “The Healer”

Ebenfalls geht die Blogosphäre gerade Nuts wegen eines “Flashing Lights”-Covers von einem Typen namens Colin Munroe aus Toronto. In den ersten paar Sekunden bekomme ich von Colin’s Intonation zwar regelmäßig einen üblen “Wonderwall”-Flashback, aber ansonsten ist das echt krass gut gemacht. Für Vergleiche mit Robin Thicke und Justin Timberlake, wie von einigen Kommentatoren bereits angestrengt, ist es bei aller Unangebrachtheit ohnehin noch zu früh, aber im Auge behalten sollte man den Kerl auf jeden Fall. Es wird allerdings Zeit, dass Kanye mal sein Video rüberwachsen lässt. Ich mein, er kann sich ja wohl schlecht von einem Emo-Typen aus Kanada düpieren lassen.

Colin Munroe – “Flashing Lights” (Video)

(flo)

Corner Kick

Eastcoast, HipHop No Comments

Immer, wenn ein Jahr noch jung und unschuldig ist, machen sich alle Rapschaffenden dieser Erde daran, die kommenden zwölf Monate zu “ihrem Jahr” zu erklären. 2008 ist das selbstverständlich nicht anders, im Falle von Clipse könnte dies jedoch sogar zutreffen. Nicht nur steht ein neues Album der Könige des Schneeschippens in der Pipeline, nein, als Re-Up Gang (zusammen mit Ab-Liva und Sandman) haben Pusha T und Malice noch ein weiteres heißes Eisen im Feuer. Den Auftakt bildet der gespannt erwartete dritte Teil der “We’ve Got It 4 Cheap”-Mixtape-Reihe, der irgendwann im Frühjahr droppen soll und dessen offizielle erste Single endlich im Netz gelandet ist. Leider ist “20K Money Making Brothers On The Corner” nicht der erwartet große Wurf geworden, ist mir der Beat doch ein bisschen zu offensichtlich auf Krawall gebürstet. Also liegt es wieder an Pusha und Malice, die Kastanien aus dem Feuer zu holen: “Ghetto Superstar like I’m Pras / big chain around my neck like I’m fresh off the Amistad.” Geht schon durch, das Ganze.

Re-Up Gang – “20K Money Making Brothers On The Corner”

Übrigens ist auch ein neuer Track von Neu-Filmfirmenbesitzer 50 Cent aufgetaucht, von dessen Ursprung man nichts weiß, aber stark vermutet, dass der Song vom angekündigten G-Unit-Album stammt, welches bekanntlich dorthin verschoben wurde, wo sich “Detox” und Duke Nukem gute Nacht sagen. Richtig spektakulär ist “U Ain’t Crazy” nicht geraten, aber um mit Kollege Lechner zu sprechen: Umsonst kann man das ja mal mitnehmen.

50 Cent – “U Ain’t Crazy”

(flo)

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