“I did a song / to make it known that the king lives on.” Nein, keine Sorge, T.I. ist nicht plötzlich unter die Minnesänger gegangen. Vielmehr behandelt Clifford Harris in “No Matter What”, der ersten Single aus dem am neunten September erscheinenden Album “Paper Trail” seine Vergangenheit von den Trapper-Tagen bis hin zum millionenschweren MC, lässt dabei auch tief in sein Innerstes blicken und kommt dabei natürlich nicht ohne Seitenhiebe auf gewisse Hater aus, die im Nebenberuf prominente Rapper sind. Produziert ist der Song von Timbalands Assistenten Danja, auch bekannt als bestbezahlter Studiogehilfe der Welt, der T.I.P. einen langsamen Orgel-Schmeichler mit Synthie-Einschlag spendiert hat. Auffällig dabei ist, wie sehr sich die Stimme des Trapmuzikanten von den vorherigen Releases unterscheidet – im Gegensatz zum samtweichen Bariton von Songs wie “What You Know” klingt er plötzlich wie eine Mischung aus DJ Quik und Franky Kubrick. Mit Erkältung. Nichtsdestotrotz natürlich Bombe, das alles. Das Video ist zweckmäßig, aber unterstreicht den Vibe des Songs sehr gut. Ob dieser Aufzug-Schrägstrich-Käfig, in dem T.I. die Hälfte des Clips verbringt, irgendetwas mit seinem Hausarrest zu tun hat, sei dabei einmal dahingestellt.
T.I. – “No Matter What” (Video)
Währenddessen nutzt The Game die kurzen Wege in der Promimetropole Los Angeles, indem er für seine neue Single “Dope Boys” kurzerhand Travis Barker verpflichtet, dem ja durchaus eine gewisse Rap-Affinität nachgesagt wird. Tatsächlich schafft es der Ex-Blink 182-Drummer, das schwere Instrumental (mit Beatles-Sample!) angemessen zu veredeln, während Game wieder seine patentierte Mischung aus Selbstbeweihräucherung und OldSchool-Referenzen bemüht. Unter’m Strich ist “Dope Boyz” also eigentlich nur ein in jeder Hinsicht schlechteres “99 Problems” – aber das ergibt eben immer noch einen guten Track. Besonders lustig ist auch das “Video”, in dem sich Travis einen Wolf drummt und Game nur stoisch daneben steht und zu allem Überfluß auch noch sein Gesicht mit einem Bandana verhüllt. Wird der Typ etwa schon wieder von der Polizei gesucht?
The Game feat. Travis Barker – “Dope Boys” (Video)
Apropos “99 Problems”: Selbstverständlich wäre dieser Eintrag nicht komplett, wenn er nicht Footage von Jay-Z‘s Auftritt auf dem Glastonbury Festival enthalten würde, auf dem der God MC mit einem Cover von Oasis‘ “Wonderwall” Noel Gallagher ein metaphorisches “Fuck You” entgegenbringt. Classic.
Ein Gutes hat es ja, dass die Absätze auf dem Musikmarkt kontinuierlich einbrechen: Mehr und mehr Künstler schielen nicht mehr auf die Verkaufszahlen (weil sich ohnehin nichts mehr verkauft, egal, was man tut) und machen einfach das, worauf sie Bock haben. So zum Beispiel Phonte von jedermanns Lieblings-Backpacker-Gruppe Little Brother, der sich mit dem Detroiter Producer Zo! zusammen getan hat, um ein Kollabo-Projekt der besonderen Art aufzunehmen. Zo! & Tigallo Love The 80′s lautet der offizielle Titel, unter dem dieses Duo firmiert, und der Name ist Programm: Mit Akribie, Ernst und erstaunlich wenig Ironie covern die beiden nämlich die größten Hits der ’80er (ihr wisst schon, diese Epoche, in der MTV noch Videos gespielt hat). Nun kann man von A-Ha‘s “Take On Me” und ganz speziell von Toto‘s “Africa” ja halten, was man will – aber diese Cover-Versionen muss man einfach mögen. Mein Favorit der bislang nur drei auf der MySpace-Page des Duos verlinkten Songs ist allerdings die Interpretation von “Steppin’ Out” des früh wieder vergessenen Joe Jackson. Aber da war ja bereits das Original eine Bombe. Wer was anderes behauptet, der lügt oder hat keine Ahnung. Word.
Ansonsten bleibt halt noch T.I., der ja bekanntlich ganz eigene Probleme mit seiner Vergangenheitsbewältigung hat. Nachdem Clifford Harris mit einem Waffenarsenal erwischt wurde, das wohl für mittelgroße kolumbianische Drogenkartelle ausgereicht hätte, konnte er mit Hilfe eines ebenso großen Teams aus Anwälten gerade noch so einer drohenden Gefängnisstrafe entgehen, muss nun aber nicht wenige Sozialstunden ableisten. Das heißt, wenn er nicht gerade unter Hausarrest steht. Zeit zum Aufnehmen findet der selbst ernannte König des Südens aber dennoch, immerhin steht für den zweiten September auch der Release seines sechsten Studio-Albums “Paper Trail” an, mit dem der Trap-Muziker vor der schwierigen Aufgabe steht, die beiden letzten Blockbuster-Alben “King” und “T.I. vs. T.I.P.” zu toppen. Der neueste geleakte Track heißt “A Better Day” und featured einen T.I. von seiner nachdenklicheren Seite sowie einen Scott Storch, den man zur Abwechslung mal nicht dafür dissen muss, was für einen Müll er da schon wieder fabriziert hat. Dazu gibt es noch ein Glockenspiel im Hintergrund, eine gewohnt überbordende (aber nichtsdestotrotz sehr gute) Hook und… naja, das war’s eigentlich schon. Trotzdem: Rundes Ding.
Kreative Selbstvermarktung, Teil 1: Das groß angekündigte und gespannt erwartete “erste interaktive Musikvideo der Welt” zu K.I.Z.‘s “Neuruppin” ist online. Unter www.kiz-neuruppin.de lässt sich nun das Werk begutachten, und das Verdikt lautet: Gelungen. Es hat was von diesen uralten Point & Click-Adventures, die es in den Anfangstagen des PC’s zu Hunderten gab; an einer Stelle im “Video” gilt es sogar, ein Rätsel zu lösen! Zumindest, sofern man “Benutze Schlüssel mit Tür” als Rätsel ansieht. Der Song? Naja, auf “Hahnenkampf” gab es zwar noch weitaus besseres Material, dennoch bleibt “Neuruppin” ein gelungener Ausflug der Kannibalen in Zivil in das speziell in Berlin beliebte Genre des Horrocore. Noch ein bisschen Trivia, die mir selbst nicht bekannt war: Der Song basiert zum einen auf einer wahren Geschichte (Quelle: Wikipedia) und ist zum anderen ein Cover von “House Of The Rising Sun” von The Animals (Quelle: Meine Freundin). Bleibt nur eine Frage – wo zur Hölle versteckt sich Tarek im Video?
Kreative Selbstvermarktung, Teil 2: Um die Wartezeit auf das neue G-Unit-Album zu überbrücken und um ein wenig von dieser Sache mit Young Buck und dem mitgeschnittenen Telefongespräch (siehe rechts) abzulenken, hat sich 50 Cent nun mit Radio-DJ Mr. Cee zusammen getan, um ein neues Mixtape aufzunehmen. Soweit nichts Neues, der Kniff an “Sincerely Yours” ist jedoch, dass Fifty ausschließlich über Funk- und R&B-Hits der 1970er und ’80er spuckt. Man kann von Curtis Jackson ja halten, was man möchte – aber es ist einfach nur ein Riesenspaß, wie anarchisch der Guerilla-Unit-Vorsteher über Hits wie “Don’t Stop The Music” von Yarbrough & Peoples brettert. Genau diesen Spaß merkt man Fifty auch durchgehend an, so dass “Sincerely Yours” sogar meinen bisherigen Favoriten “Return of The Body Snatchers” vom Thron in der Kategorie “Bestes Mixtape 2008″ stößt. Fortsetzung mit Electrosongs aus den ’80ern bitte.
Man kann ihr ja wirklich nicht vorwerfen, sie würde es nicht versuchen. 1997 – das sind geradezu biblische elf Jahre, für alle, die jetzt keinen Taschenrechner bemühen wollen – hatte Imani Coppola mit “Legend Of A Cowgirl” ihren ersten und bis dato einzigen Hit. In der Folge releaste sie meistens independent noch sieben Soloalben, doch keines konnte auch nur annähernd an den Erfolg des Erstlings “Chupacabra” anknüpfen. Was soll man da nur tun? Nun, Imani schnappte sich den Bostoner DJ und Producer Adam Pallin und gründete mit ihm das Projekt Little Jackie. Spätestens seit dem weltweiten Erfolg von Gnarls Barkley scheinen solche Kollaborationen ja eine gute Idee zu sein, und tatsächlich könnte der 30-Jährigen nun endlich wieder der Sprung in das Rampenlicht gelingen. Eine wilde Mixtur aus Old-School-Soul, 2000er-Pop und einer Handvoll anderer Genres legt den Grundstein für einen verspielten, eingängigen, sommerlichen Sound, der noch dazu eigenständig und dennoch radiotauglich ist. Amy Winehouse-Disstracks (true story) wie “Crying For The Queen” sind zwar prinzipiell verachtenswert, aber der Song ist so hervorragend umgesetzt, dass ich über die inhaltliche Verfehlung hinweg sehen kann. Diesen und drei weitere Songs aus dem kommenden Album “The Stoop”kann man sich auf der MySpace-Page des Duos anhören, zu “Black Barbie” gibt es außerdem ein interessantes Video. Mein Favorit bleibt jedoch “The World Should Revolve Around Me”, welches ein einziger quietschbunter Egotrip in Tonform ist: “I got talent and I got tits.” Da wird wohl niemand widersprechen.
Nicht weniger vergnügt geht es bei Clipse zu, die nach einem langwierigen Rechtsstreit mit dem alten Label Jive nun bei Columbia Records untergekommen sind. Unter der Fittiche des legendären Rick Rubin werkeln die beiden Schneeschipper aus Virginia nun weiter an ihrem nächsten Album, doch zunächst steht das Debütalbum der Re-Up Gang an, welche bekanntlich neben den Gebrüdern Thornton noch Ab-Liva sowie Sandman als Mitglieder führt. Der vor kurzem aus der Platte geleakte Track namens “Fast Life” wird jedoch überraschenderweise nur Clipse-exklusiv beacktert; von den anderen beiden Mitgliedern keine Spur. Ist aber auch ziemlich egal, denn wenn schon Malice und Pusha T das fürchterliche Instrumental von Scott Storch nicht mehr retten können, dann brauchen sich Ab-Liva und der Sandmann erst recht nicht anstrengen. Das Ganze klingt ungefähr wie eine gemasterte Version des Themes irgendeines uralten Game Boy-Spiels, sprich ziemlich daneben. Wenn das das Ergebnis einer offeneren Zusammenarbeit mit verschiedenen Produzenten ist, dann muss die Frage erlaubt sein: Vielleicht sich doch besser wieder mit den Neptunes im Studio einschließen?
Nachdem er ein wenig untertauchte, bis Gras über das sensationell schlechte “Jamaican Girl” gewachsen war, meldet sich der ausgewiesene Eminem-Spezl und Eisenschädel Obie Trice nun voller Tatendrang zurück. Die dritte Runde ist also auf ihn, gewissermaßen, und zwar mit seinem neuen Studioalbum “Bottom’s Up”, von dem Obie hofft, es noch im Sommer releasen zu können. Vor Weihnachten wird das also wohl eher nichts, was wirklich schade ist, denn der kürzlich geleakte Track “Hold Up” macht neugierig auf mehr. Sowohl das minimalistische Beatgerüst mit Lounge-Einschlag als auch der Flow des Protagonisten sind nämlich äußerst frisch und interessant geraten – etwas, was man vom amerikanischen Rapgeschäft beileibe nicht mehr zu oft behaupten kann. Insofern wird es interessant zu sehen sein, ob Obie endlich einen bleibenden Eindruck im Spiel hinterlassen kann und “no mo’ local” wird, oder ob ihm der große Sprung verwehrt bleiben wird. Aber eine vierte Runde geht immer noch.