Bereits mit seinem Auftritt auf den “Country Music Awards” machte sich Snoop Dogg um die inneramerikanische Völkerverständigung verdient – und irgendwie war die ganze Nummer auch die logische Folge auf den berühmt-berüchtigten Roy-Black-Werbespot. Wer den plötzlichen Hillbilly-Spleen des Doggfathers aber nur als Gimmick abgetan hat, der sieht sich jetzt getäuscht: Tatsächlich ist seine neue Single “My Medicine” eine lupenreine Country-Nummer und eine Hommage an alle Künstler des schon etwas älteren dreckigen Südens, inklusive Shoutouts an Johnny Cash (“A real American Gangster”) und einem Cameo vom – zumindest in diesen Kreisen – legendären Willie Nelson. Auf einem temporeich vor sich hin rollenden Gitarren-Instrumental gibt sich Snoop der recht schamlosen Drogen- und Alkoholverherrlichung hin, was wohl schon fast als HipHop-Einfluss gewertet werden darf, der Country Music aber zumindest nicht fremd ist. “The more dedicated the more medicated”, stellt Calvin Broadus auch gewohnt pointiert klar. Das Verdikt lautet also: Super Sache. Kann man zwar kein bisschen Ernst nehmen, aber das tut hoffentlich auch keiner. Denn dem hohen Spaßfaktor des Songs tut das keinen Abbruch. Ob als nächstes ein posthumes Roy Black-Feature folgt?
Snoop Dogg – “My Medicine” (Video)
Währenddessen tut sich im Sunshine State mit Flo Rida ein neuer Fachmann für sinnlose Club-Banger hervor, jedoch nicht ohne prominente Hilfe. Für “In The Ayer”, die dritte offizielle Single aus “Mail On Sunday”, sicherte sich der 28-jährige Shootingstar diesmal die Hilfe von Black Eyed Peas-Vorsteher Will.I.Am, der sich mittlerweile einen respektablen Ruf als Hitproduzent erarbeiten konnte. “In The Ayer” (keine Roy Ayers-Hommage diesmal) schmiert aber im direkten Vergleich mit den Vorgängern ein wenig ab – sowohl “Low” als auch “Elevator” waren beide catchy, simpel, aber dennoch hinreichend interessant für Bohèmes wie mich. In der Kategorie “Catchyness” sind diesmal jedoch Schwächen auszumachen – der Refrain will einfach nicht so recht ins Ohr wie bei den vorherigen Singles. So sehr ich auch Miami Bass-Revivals begrüße und so super ich auch das Sample finde. Obwohl, vielleicht geht ja was in CD Quality…
Die Jungs von der Three Six Mafia gehören bekanntermaßen zu den größeren Spaßvögeln, die das amerikanische Rapgeschäft zu bieten hat. Wenn ihr demnächst mal nach Memphis, Tennessee kommt und euch langweilt: Anruf bei den Jungs genügt. Durchgeknallte Ideen im musikalischen Sinne hatte die Gruppe um Juicy J und DJ Paul seit ihrer Gründung im Jahr 1991 ebenfalls zur Genüge, und der frisch geleakte Track “I Got” aus dem am 24. Juni erscheinenden Album “Last 2 Walk” macht da keine Ausnahme. Denn wer allen Ernstes “Kernkraft 400″ der Münchner Elektro-Helden von Zombie Nation sampled, der hat meinen vollsten und aufrichtigsten Respekt. Klar, ansonsten geht bei der Mafia wieder nicht so viel; Frauen, Geld, schnelle Sportwagen, Getränke mit lustigen Farben – man kennt die Leier. Dazu gibt es noch ein Pimp C-Feature, das keines ist, weil das auch nur ein Sample ist, aber abgesehen von diesen kleinen Bescheißereien und textlichen Plattitüden bleibt “I Got” ein Track, der einzig und allein von seiner lustigen Idee lebt und mit genug Drinks unterm New Era-Käppi eine extrem spaßige Abfahrt werden dürfte. Und eine Idee pro Song ist nun mal mehr, als viele andere Kollegen aufbieten können.
Es war nicht wirklich überraschend, dass Nas in der letzten Minute doch noch umgefallen ist wie ein Dominostein und sein neues Album nun nicht “Nigger”, sondern “Untitled” nennen wird. Wen ernsthaft interessiert, ob Nasir Jones bis zur letzten Minute gegen die Windmühlen der Industrie kämpfte oder ob die ganze Kontroverse nicht doch einfach ein abgekarteter Promostunt war, sollte sich nun schnellstens unter www.ichwillauchmalwassagen.de/forum (nicht klicken) einloggen – in Wahrheit ist der Albumtitel einfach total egal. Denn Hauptsache, die Musik stimmt. In dieser Hinsicht hat der Queensbridge-MC seinen Fans in letzter Zeit allerdings einige Sorgenfalten bereitet, denn keiner der aus “Nigger”“Untitled” vorab geleakten Tracks konnte rundum überzeugen. Die offizielle erste Single namens “Hero” jedoch ist eine Granate. Auf einem funkelnen Bass-Stomper von Polow Da Don widmet sich der Street’s Disciple weniger der mittlerweile überladenen N-Wort-Debatte als vielmehr dem branchenüblichen Braggen und Boasten und erläutert nebenbei seine Sicht der Dinge zu den Fesseln des Musikgeschäfts: “Still in musical prison, in jail for the flow / Try telling Bob Dylan, Bruce, or Billy Joel / They can’t sing what’s in their soul”. Das ist zwar ein wenig kurios im Angesicht der Tatsache, dass eine Single halbwegs repräsentativ für das Album sein sollte, aber sei’s drum – denn knallen tut’s auf alle Fälle. An allen Ecken und Enden passiert etwas in diesem beinahe überbordenden Instrumental, und Nasty Nas’ atemloser, pointierter Flow ist ohnehin über alle Zweifel erhaben. Einzig die ’90er-Jahre-Trademark-Hook von Keri Hilson fällt ein wenig ab, aber wir wissen ja, dass Nas halt auf so was steht. Abschließendes Statement: “No matter what the CD called / I’m unbeatable, y’all”. So sieht’s aus.
Nas feat. Keri Hilson – “Hero”
Wer wie selbstverständlich “Guantanamera” covert und ohne mit der Wimper zu zucken Sarah Connor-Featues aufnimmt, dem ist alles zuzutrauen. Wen kann es also ernsthaft überraschen, dass Wyclef Jean‘s neuester Wurf allen Ernstes eine Hommage an George Michael‘s Hitsingle “Faith” darstellt? Glücklicherweise läuft “No Substitute Love” unter dem Label der nach wie vor bezaubernden Estelle, die zwar – ob Zufall oder nicht – stark nach Lauryn Hill klingt, aber es trotzdem schafft, den Eindruck zu erwecken, George Michael-Coverversionen seien prinzipiell eine gute Idee. Und wenn ich es mir recht überlege: Sogar die Limp Bizkit-Version ging damals einigermaßen klar.
Die Befürchtungen waren groß Anfang November 2007: Würde Kool Savas die Generation Aggro noch erreichen mit seinem Album “Tot Oder Lebendig”? Oder würde er zumindest seine alten Fans aus den glorreichen Untergrund-Tagen mobilisieren können? Nun, wir wissen ja, was da passiert ist, mit Top 10-Platzierungen, TRL-Spitzenpositionen und komplett vergriffenen MZEE-Sondereditionen. Der König hatte gesprochen. Auch die “T.O.L.”-Tour füllte landesweit die Hallen und war generell ein Riesenspaß für alle Beteiligten; nach fast zehn Jahren im Spiel muss man Savas Yurderi nicht mehr erzählen, wie man Menschenmengen zum Durchdrehen bringt. Wer den Tourstopp in der Heimatstadt verpasst hat, kann dies mit der am morgigen Freitag erscheinenden “Tot Oder Lebendig – Live”-Doppel-DVD nachholen – das ist zwar nur so halb so gut wie da gewesen zu sein, aber immer noch sehr unterhaltsam. Um wieder ein bisschen TRL-Airplay abzustauben, hat man nun sogar ein Live-Video zu “Alle Schieben Optik” zusammengeschustert. Im Vergleich zu den sonstigen Großtaten auf Savas’ letztem Soloalbum wirkt der Track zwar ein wenig unspektakulär, er bringt allerdings sehr gut die Energie der Optik-Performance herüber. Assistiert wird der Wahl-Heidelberger von seinen Label-Gefährten Amar und Caput, so dass am Ende ein rundes Produkt steht, das Savas hoffentlich noch ein paar Euro mehr in die Kasse spült. Damit der “Rapgott” auch in Zukunft mehr Kohle macht “als Mark Medlock”.
Kennt noch jemand das “White Grey Album”? Dieses Mixtape mit Jay-Z-Vocals über Instrumentals der Beatles? Für alle, die es nicht kennen, hier eine Kurzrezension: Das Teil ist richtig, richtig scheiße. Dementsprechend niedrig war meine Aufregung, als ich erstmals vom “Green Album” von Omer Saar hörte. Aber nachdem ich eigentlich nur pflichtschuldig reinhören und durchskippen wollte, war ich eines Besseren belehrt, denn hier wurde eine gute Idee professionell umgesetzt. Omer hat sich nämlich eine Best-Of von Al Green geschnappt, sich einen Wolf gesampled und seine Lieblings-Rap-Strophen aus den goldenen ’90ern darüber gejagt. So spuckt Big L über einen Piano-Schmeichler (“MVP Interlude”), die legendäre “Affirmative Action”-Kollabo von Nas und Supreme NTM wird mit einem frühlinghaften Streicher-Beat unterlegt und der ganz frühe Common tobt sich auf “Communism” aus (siehe unten). Eine ganz und gar vergnügliche Veranstaltung für Freunde der alten Schule also, und auch super Futter für den iPod im langsam kommenden Sommer. Kurze Werbe-Einblendung: Das neue Al Green-Album ist übrigens auch Bombe.