Interview: Curse

12:11 am Deutschland, HipHop, Interview, Live

“Ah, ihr wart das mit dem Curse-Interview? Könnt ihr noch ‘ne halbe Stunde warten? Er frühstückt noch.” Wohlgemerkt: Es ist halb vier an einem Montagnachmittag. So ist das also mit dem Rockstar-Leben. Das gibt uns allerdings die willkommene Gelegenheit, uns noch ein bisschen im Münchner Ampere umzusehen, in dem Curse am Abend mit Band auftreten wird. Die Arbeiten an der Soundtechnik vermitteln bereits einen kleinen Eindruck davon, wie viel Aufwand und Akribie in dieser Tour steckt. Unzählige Instrumente und Mikrofonständer belagern die nicht gerade große Stage und werden von einem der zahlreichen Techniker immer wieder zur Seite gerückt. Nach genau 30 Minuten Warten begrüßt uns dann ein sichtlich angeschlagener Curse mit dicker Sonnenbrille und warmem Schal um den Hals. Der Auftritt am vorherigen Abend in Oberhausen scheint anstrengend gewesen zu sein. Das ganze Interview lang sollte er in einem tee-ähnlichen Getränk rühren, in dem etwas umherschwimmt, das aussieht wie Suppenwürfel.

Wir gehen nach oben in einen kleinen Garderobenraum, wo Curse es sich in einem grünen, ausgewetzten Sessel bequem macht. Das Diktiergerät läuft. Curse hat das Wort.

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TheGoodVibe!: Anstrengender Tag für dich bislang?

Curse: Mmh… bisher geht’s. Meine Stimme ist so ein bisschen überspannt von gestern.

Wir haben schon gehört, dass wir dich vorhin fast beim Frühstück gestört hätten.

Naja, aber habt ihr ja zum Glück nicht (grinst).

Du bist jetzt vor zwei Monaten 30 Jahre alt geworden. Spürt man da das Tourleben und all die Promotermine mehr in den Knochen als vor zehn Jahren?

Ne, eigentlich nicht. Es ist halt anders. Früher warst du halt die ganze Nacht saufen und hattest dann am nächsten Tag gleich wieder einen Auftritt. Jetzt bin ich da so ein bisschen ruhiger geworden. Aber jetzt nicht deswegen, weil ich es irgendwie in den Knochen spüre oder so. Ich meine, 30 ist ja auch nicht 60. Aber ich muss jetzt schon ein bisschen mehr auf meine Stimme achten. Früher hab ich halt 45 Minuten gespielt und nicht wie jetzt zwei Stunden, das ist schon ein Unterschied.

Also kein Rockstar-Leben mehr?

(grinst) Doch, doch, schon noch ein bisschen Rockstar ab und zu…

Die Mischung macht’s.

Genau, die Mischung macht’s. Du kannst Rockstar sein, aber du musst dann auch irgendwann mal Tee mit Honig trinken.

OK, muss ich mir merken. Wie fühlt sich das denn an, mit HipHop 30 zu werden? Ich zum Beispiel muss sagen, noch vor einigen Jahren hätte ich mir nie vorstellen können, in so einem Alter noch HipHop zu hören. Also nicht, dass du schon Rentner wärst oder so, aber du verstehst, was ich meine. Mein Punkt ist: Mit dieser Kultur alt zu werden, ist in den letzten Jahren zu einer viel realistischeren Vorstellung geworden.

Jay-Z ist 39, Nas ist 38, Azad ist 35, Savas ist 34… Kanye West ist auch schon 32, 50 Cent ist auch über 30, Bushido ist 30. Die erfolgreichsten Rapper in Amerika und Deutschland sind mittlerweile alle Ü-30, also glaube ich nicht, dass das so besonders ist. Die Sache ist halt: HipHop wird ja auch älter, es wächst ja auch mit den Protagonisten mit. Natürlich sind 15-Jährige anders drauf als 30-Jährige, aber HipHop ist so ein breites Spektrum, dass da jeder sein Ding findet. Viele Old-School-Writer und Breaker sind über 40 und machen ja trotzdem noch was.

30 is the new 20, sozusagen.

Ach, 30 ist das neue und alte 30, würde ich eher sagen.

Lass uns mal über dein Album sprechen. „Freiheit“ ist ja ein Titel, der sich ziemlich vielfältig interpretieren lässt, und ich finde, dass du auf dem Album viel gelöster klingst als auf den Vorgängern. Inwiefern ist denn der Titel auch auf dich selber gemünzt? Musstest du dir vielleicht erstmal selbst Freiheit verschaffen, was den Aufnahmeprozess angeht?

Auf jeden Fall. Das ist eine der Bedeutungen vom Albumtitel „Freiheit“. Der Name ist Programm. Ich kann ja nicht mein Album „Freiheit“ nennen und selbst nicht danach handeln. Es gab viele Dinge bei dem Album, wo ich mich von Konventionen, Gewohnheiten und eingefahrenen Wegen gelöst habe, um neue Sachen machen zu können und neue Wege zu beschreiten. Das ist auf jeden Fall so.

Meinst du damit vielleicht auch die HipHop-Szene, die an dich ja schon immer eine gewisse Erwartungshaltung gehegt hat? Du machst auf deinem Album ja deutlich weniger Statements zur Szene als früher. Hast du dir da vielleicht auch selber die Freiheit genommen, dich nicht immer wieder aufs Neue beweisen zu müssen? Oder war das gar keine bewusste Entscheidung von dir?

Doch, es war durchaus eine bewusste Entscheidung. Ich sag immer, dass es für mich eigentlich gar keine HipHop-Szene mehr gibt. Es gibt halt Fans von verschiedenen Gruppen und Gruppierungen, aber so eine wirkliche Szene wie vor sechs, sieben, acht Jahren existiert für mich gar nicht mehr. Bei diesem Album habe ich mir vorgenommen, mich von Erwartungen und Meinungen von außen viel mehr als sonst zu lösen, um das zu erreichen, was ich erreichen wollte: Ein freies Album zu machen. Da muss man sich halt von bestimmten Sachen auch mal lossagen. Ich finde es manchmal auch langweilig, sich darauf zu konzentrieren, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Denn wenn man anfängt, sich zu sehr darauf zu fixieren, was die Leute deiner Meinung nach von dir hören wollen, sagen sie am Ende: „Naja, das ist halt wie immer. Das ist ja überhaupt nichts Neues“. Verstehst du? Bei meinen ersten beiden Alben habe ich ja Sachen auch einfach so gemacht, wie ich es wollte. Und plötzlich sagen die Leute dann: „Boah, das ist für mich ein Klassiker“, und wollen dann noch zehn Alben haben, die genauso klingen wie dieser eine Klassiker. Aber sie verstehen nicht, dass jedes Album auch Ausdruck einer Phase ist. Du kannst nie einen alten Klassiker wiederholen, du kannst nur einen neuen Klassiker schaffen. Und so bin ich auch an Freiheit heran gegangen. Ich habe mir gesagt: „Interessiert mich alles gar nicht, ich fange einfach wieder von Null an. Ich hab ein Ziel, so soll’s klingen – hier geht’s lang.“

Ich kann mir auch vorstellen, dass gerade du jemand bist, der es unmöglich allen recht machen kann. Du hast ja doch ein relativ weites Spektrum, textlich wie musikalisch.

Niemand kann es allen recht machen. Wenn du einen roten Pulli anhast, sagt der Eine: „Ey, fresher Pulli“, und der Nächste sagt: „Ey, das ist aber ein Scheiß-Pulli“. Wichtig ist aber, dass du zu Hause vor dem Spiegel stehst und dir sagst: „Dieser rote Pulli – that’s what it is“. Dann gehst du raus, und dann wirst du schon Leute finden, die genau diesen roten Pulli geil finden. Und das sind genau die Leute, die dann auf dein Konzert kommen und deine Fans sind, die dich genau wegen deinem roten Pulli lieben. Wenn du aber zu Hause stehst und dir denkst: „Eigentlich würde ich ja gerne den roten Pulli anziehen, aber ich glaube, auf den grünen Pulli stehen mehr Leute“, und dann gehst du raus, und all die Leute, die rote Pullis geil finden, kommen nicht zu dir. Das heißt, die Leute, mit denen du seelenverwandt bist und auf einer Wellenlänge liegst, die erreichst du gar nicht. Du erreichst aber irgendwelche andere Typen, die auf grüne Pullis stehen, obwohl du eigentlich in deinem Herzen auf Rot stehst. Und das macht dich unglücklich, weil du zu den Leuten, die zu dir gehören, keine Verbindung findest.

Wo wir gerade bei Erwartungen sind: Hattest du spezifische kommerzielle Erwartungen an das Album? Oder verbietet sich das von selbst in der derzeitigen Lage der Industrie?

Natürlich habe ich kommerzielle Erwartungen. Ich zahl ja von der Musik meine Miete und lebe mein Leben davon. Natürlich möchte ich, dass meine Alben sich hunderttausende Male verkaufen und dass ich alle Preise gewinne, klar. Aber das ist nicht meine Motivation, das Album zu machen. Ich gehe nicht mit dem Ziel heran, ein Album zu machen, das sich gut verkauft, sondern ich will ein geiles Album machen und sage danach: „Jetzt verkauf ich das.“

Du hast auch vor einigen Wochen angekündigt, dass dein Independent-Label Alles Real Records keine physischen Tonträger mehr herausbringen wird. Hast du schon eine neue Geschäftsidee oder bist du wie alle anderen noch auf der Suche nach dem Heiligen Gral?

Ich hab schon eine neue Idee, aber da müssen wir schauen. Das ergibt sich gerade.

OK, ich versteh schon. Kommen wir auf die Musik zurück. Der Song von „Freiheit“, der mich persönlich am meisten beeindruckt hat, ist „Lila“ mit Jaguar Wright. Erzähl einfach mal: Worum geht es in dem Song, und wie bist du auf die Idee dafür gekommen?

Es geht am Ende des Tages darum, dass ein junges Mädchen durch verschiedene Umstände in ihrem Leben ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstkontrolle verliert. Sie denkt irgendwann, dass sie ohnehin nur ein Spielball des Schicksal ist. Deswegen lässt sie sich treiben, dreht irgendwann durch und ermordet in letzter Konsequenz ihre Kinder. Auf die Idee bin ich durch viele verschiedene Dinge gekommen. Ich wollte am Anfang eigentlich gar nicht über dieses Thema schreiben, das war gar nicht meine Intention. Meine Intention war es eigentlich, einen Song darüber zu schreiben, wie Leute den Glauben an sich selbst verlieren können. Und erst während des Schreibens ist mir auf einmal bewusst geworden, wie sich so eine Geschichte im schlimmsten Fall entwickeln kann. Der Song nimmt ja eine ziemlich abrupte, überraschende musikalische und textliche Wendung, und genau diese selbe abrupte Wendung hat auch in meinem Kopf stattgefunden. Ich habe mich beim Schreiben also genauso überraschen lassen wie jetzt der Hörer.

Auf „Fantastisch“ sagst du: „Auch ohne Trophäen triumphier’ ich über falsche Idole.“ Wer ist für dich ein falsches Idol?

Falsche Idole sind für mich Leute, die ihre Verantwortung und ihre Macht missbrauchen. Also Leute, die sich auf Fame und so weiter hauptsächlich selber einen runterholen, und im Endeffekt aber auf die Leute, für die sie Verantwortung haben und die zu ihnen aufschauen, scheißen. Das ist so, wie wenn du ein Grundschullehrer bist, oder ein Pfleger im Krankenhaus, und einfach sagst: „Weißt du was? Diese Leute sind mir alle egal, Hauptsache, ich krieg hier mein Geld.“ Solche Leute sind für mich falsche Idole. Das sind Leute, zu denen man nicht aufschauen sollte. Man sollte nicht zu Leuten aufschauen, die dich nicht respektieren und dir am Ende des Tages nichts Gutes, sondern Schlechtes und Destruktives mitgeben.

Du meinst also Menschen, die Verantwortung tragen, ihr aber nicht gerecht werden?

Ja, genau. Das ist für mich niemand, zu dem man aufschauen sollte.

Du bist ja ein Künstler, der sich mit seinen Features – wie zum Beispiel Pete Rock oder jetzt Westernhagen – gerne so einen kleinen Kindheitstraum erfüllt. Gibt es für dich noch ein Traum-Feature, von dem du sagst: „Mensch, das würde ich noch gern machen, aber es hat bislang aus dem und dem Grund nicht geklappt“?

Ein internationales, absolutes Traum-Feature ist Sade, mit der würde ich gerne einen Song machen. Aber da hab ich auch noch gar nicht angefragt, also es kann sein, dass das eines Tages noch passieren wird. Auch in Deutschland gibt es ein paar Leute, mit denen ich noch gerne was machen würde, aber schauen wir mal.

Wer denn zum Beispiel?

Ich hätte zum Beispiel sehr viel Bock darauf, mal was mit Annett Louisian zu machen, die finde ich super. Ich hab sie auch neulich mal kennen gelernt – ganz coole, liebe Person. Natürlich hätte ich auch Bock, was mit Grönemeyer zu machen. Das schließt sich für mich auch nicht aus. Was Grönemeyer und Westernhagen angeht, gibt es ja so gespaltene Lager, aber mir ist das egal. Und es gibt in Deutschland einen Singer/Songwriter namens Pohlmann, den hab ich neulich auch kennen gelernt und ich finde ihn super. Ich glaube, dass da vielleicht auch mal was entstehen könnte.

Ich finde auch, dass solche Kollaborationen wie zum Beispiel die mit Silbermond auf deinem neuen Album schon auf Grenzen in den Köpfen der Hörer stoßen, weil man solche Namen eigentlich nicht miteinander verbinden würde. Aber gerade diese Kombinationen sind dann die interessantesten.

Richtig. Das sind die Sachen, wo die Leute sagen: „Ach, da bin ich ja mal gespannt, wie sich das anhört“. Das sind gerade die interessantesten Sachen. Ich meine, du verbindest ja Annett Louisian auch nicht mit Curse, aber ich glaube, zum Beispiel lyrisch gibt es da Überschneidungen, wo am Ende ein richtig geiler Song herauskommen könnte. Und das ist viel spannender als eine Kollaboration mit Rapper XY, wo man von beiden weiß, dass sie flexen können und das war’s dann.

Ist das auch der Grund, warum es auf der Basis-Version deines Albums keine Rap-Features gibt?

Exakt.

Würdest du sagen, dass du mit deiner musikalischen Offenheit – auch im Hinblick auf die verschiedenen Künstler, mit denen du zusammengearbeitet hast – indirekt eine Art Vorreiter in Deutschland bist? Ich mein, sogar Bushido hat jetzt einen Song mit Karel Gott, auf dem er Alphaville covert.

Ich glaube, dass ich zu einigen Dingen in Deutschland den Anstoß gegeben habe. Du musst dir ja überlegen, dass es vor „Feuerwasser“ niemanden in Deutschland gegeben hat, der Storytelling auf so einem persönlichen Level gemacht hat. Es gab nicht so etwas wie „Schlussstrich“, wo ich beschreibe, wie ich Selbstmord begehe. Es gab keine Songs, die so offen waren wie „Wahre Liebe“, „Hassliebe“ oder „Entwicklungshilfe“. Das gab’s nicht. Dann kamen auf einmal alle und haben irgendwelche Liebessongs gemacht. Der erste ernstzunehmende Track – oder zumindest die erste Single – zu dem Thema im deutschen Rap war eigentlich „Hassliebe“. Und auch auf „Innere Sicherheit“ hab ich musikalische Grenzen eingetreten. Einen Song wie „Und was ist jetzt“ gab es auch im internationalen HipHop noch nicht bis du diesem Punkt. Mit den Kollabos ist es jetzt genauso: Ich habe keine Berührungsängste vor Leuten aus anderen Genres. Ich glaube auch, dass die Leute zuerst zwar ein bisschen fronten, sich dann aber am Ende denken: „Shit, eigentlich will ich so was auch mal machen, da will ich auch hin.“ Wichtig ist es, einfach diesen Mut zu haben, um Sachen zu machen, die noch nicht zehn andere Leute gemacht haben. Nur dann kann man eventuell Trends setzen. Dann besteht natürlich die Gefahr, dass man auch mal Scheiße macht, aber dafür hast du dann auch wieder das Potenzial nach oben. Das ist auf jeden Fall ein geiles Risiko.

Dann wären wir eigentlich auch schon durch. Zum Abschluss noch eine Frage: Was ist dein Lieblingssong zur Zeit?

(überlegt, blickt zum Tourmanager): Hmmm…Mein Lieblingssong ist zur Zeit „Fliegende Fische“ von Pohlmann.

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Als Curse uns zum Abschluss des Interviews noch viel Spaß beim Konzert am Abend wünscht, hat er diesen Blick, der suggeriert, dass er ganz genau weiß: Wir werden Spaß haben. Und genauso sollte es auch kommen. Als Curse um Mitternacht nach zwei Zugaben die Bühne unter frenetischem Applaus verlässt, wird uns klar, warum er noch am Nachmittag dermaßen fertig ausgesehen hat: Dieser Typ gibt wirklich alles. Ab der ersten Sekunde wird ersichtlich, dass in diesem Projekt gleichsam Liebe und Professionalität steckt. Songs wie “Stell dir vor” und “Wenn ich die Welt aus dir erschaffen könnte” sind krass beklemmend inszeniert, während bei “Das versteh ich nicht” und “Lass uns Freunde sein” eher Durchdrehen gefragt ist. Um eine beliebte Waschzettel-Phrase zu zitieren: Für jeden was dabei. Das Publikum dankt’s.

Bemerkenswert ist auch, wie hoch der Frauenanteil im Publikum ist. Die Zielgruppe von Curse unterscheidet sich eben ein klein wenig von der des x-beliebigen Straßenspitters. Definitiv eine Besonderheit für ein Rapkonzert, wo es in der Regel ähnlich homoerotisch zugeht wie auf einem NPD-Parteitag. “I got models in the moshpit”, sagt Jay-Z auf seiner aktuellen Single – auf Curse-Konzerten scheint das eine Selbstverständlichkeit zu sein.

Eindrücke von den Gigs in Oberhausen und München (courtesy of curse.de):

Und bevor jemand fragt: Pohlmann.

Pohlmann – “Fliegende Fische”

(flo)

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