Ich hab gerade nicht viel Zeit, aaaaaber: Auf die Rückkehr von Kanye West‘s “Old Ass Cousin” muss natürlich hingewiesen werden. Der hatte damals schon das “Throw Some D’s”-Video des Louis Vitton Dons zu einer äußerst vergnüglichen Angelegenheit gemacht. Nun treibt der alte Mann auch im neuen Video von 88-Keys sein Unwesen, das überaus passend mit “Stay Up (Viagra)” betitelt ist. Tatsächlich könnte der Track der beiden Busenkumpels als astreine Pille an die kleinen blauen Muntermacher durchgehen, wozu das Sample – “All Night Loving” der extrem männlichen 80′s-Boygroup Imagination – sein Übriges tut. Aber in Wahrheit ist ohnehin das Video das Beste an dieser ganzen Sache. Also, abgesehen von Kanyes Borat-Imitationen, natürlich.
88-Keys feat. Kanye West – “Stay Up (Viagra)” (Video)
Ähnlich abgedreht geht es bei Joe Budden zu, der in den letzten zwei Jahren eine rasend schnelle Metamorphose vom talentierten Straßenspitter zum ernstzunehmenden Künstler hingelegt hat. Als gutes Beispiel hierfür kann seine neue Single “In My Sleep” gelten, wo der 28-Jährige den Hörer auf einen durchgeknallten Ausflug durch seine Traumwelt mitnimmt, der bei Affären mit AIDS-kranken Jungfrauen im Rollstuhl noch längst nicht seinen Höhepunkt findet: “When I closed my eyes / I escaped the poltergeist / my escape from reality is just what I needed / brings me to a place where shorty never cheated / and even if she tried and succeeded / in this other world I wouldn’t even get heated.” Beeindruckend gemacht.
Ich muss zugeben, dass ich meinen ersten Kontakt mit Tua währen dem Orsons Projekt mit Maeckes & PlanB, sowie Kaas hatte. War das ganze doch eine eher fröhliche Sache, so hatte er aber immer die Rolle des Gegenspielers zu all der Heiterkeit der anderen inne.
Sein neues, komplett selbst produziertes Album Grau ist auch eher dunkler Natur. Die Instrumentalisierung ist relativ elektronisch gehalten, aber sehr eigen und das ist, was dieses Album ausmacht. Interessant sind auch die zwischendurch eingestreuten instrumental Songs, welche die einzelnen Lieder verknüpfen. Im Gegensatz zu vielen aktuelleren Releases denkt man bei keinem Track „Hey das hab ich schonma gehört“. Ein gutes Beispiel wäre der zweite Teil des Intros „Es regnet“, der komplett vom Instrumental und einer Mädchenstimme, die „Man fühlt gar nichts mehr, man wird ganz gleichgültig und grau“ wiederholt getragen.
Neben einigen gesungenen Parts, kommen natürlich die Raps nicht zu kurz. Hier überzeugt Tua mit, gewohnt solider Technik, die sich angesichts der Themen und der grandiosen Instrumentals aber nicht total in den Vordergrund drängt.
Die Storys sind erstaunlich reell, geht es mal um Einzelschicksale „Bilder“, um Gott „Kyrie Eleison“, oder um eine Abtreibung „Ohne Titel“.
Letzterer Titel ist so real, dass man danach ein wenig verstört ist, wie bei Curses „Lila“.
Features braucht Tua eigentlich nicht, es findet sich nur „Vasee“ auf Bruder und Savas auf „Kein Problem“. Diese tragen aber zur Atmospäre des Gesamtkunstwerks bei und liefern solide Ware ab.
Insgesamt kann man festhalten, dass Tua Anfang 2009 schon für einen der Höhepunkte des Jahres gesorgt hat. Den lang erwarteten Nachfolger zu „Nacht“ kann man in kein Genre einteilen, es handelt sich viel mehr um ein abstraktes Gebilde aus Klangkonstruktionen. Wird sicherlich nicht jedem Gefallen, aber ist so frei von allen Zwängen wie ein Album nur sein kann.
Ganz großes Kino
9/10
(Martin)
Auch wenn mir die selbsternannten Gralshüter des deutschen HipHops gleich ordentlich aufs New Era-Käppi geben werden: Mit Tone konnte ich noch nie so recht etwas anfangen. Klar, die Technik des Frankfurters ist nach beinahe 20 Jahren im Spiel scharf wie ein Katana-Schwert, aber leider hat der 34-Jährige genau einen Flow und denkt gar nicht erst an so etwas wie Variation. Es hat schon einen Grund, warum man ihn den “Reimroboter” nennt. Trotz allem ist Anthony Wolz natürlich vollkommen zu Recht eine Legende des deutschen HipHops, die eine treue Fanbase um sich gescharrt hat. Die musste beinahe vier Jahre auf ein neues Lebenszeichen von Tone warten, doch nun meldet sich der Frankfurter zurück. “Deutschrap” heißt die erste Single aus dem am dritten April erscheinenden Album “Phantom”, und darauf liefert Tone seinen Fans genau das, was sie von ihm hören wollen: Aggressive, technisch versierte Battle-Raps auf schweren, elektronischen Beats. Ziel der Tone’schen Verbalattacken ist vor allem die (mittlerweile auch nicht mehr so junge) Deutschrap-Generation von der Straße, die bisweilen bekanntlich etwas zu wenig Augenmerk auf Technik und Liebe zur Kultur legt: “Du musst nur sagen, dass du von der Straße bist / auch wenn die Wahrheit ist, dass du eigentlich von der Sesamstraße sprichst”. Dabei klingt der 34-Jährige durchaus etwas verbittert, aber wenn sich das einer erlauben darf, dann Tone. Immerhin hat er auch durchaus wertvolle Ratschläge parat: “Wenn du nicht rappen kannst, halt die verdammte Fresse”. Das sollten sich wirklich einige Leute zu Herzen nehmen.
Tone – “Deutschrap” (Video)
Auf der anderen Seite des großen Teichs werkelt derweil The-Dream ganz eifrig daran, sein neues, heute erschienenes Album “Love Vs. Money” unter die Leute zu bringen. Was liegt da als Promo-Maßnahme näher als ein Video zum Remix einer zum Superhit avancierten Single mit vier Superstars des US-HipHop? Vermutlich so einiges, außer natürlich, man hat das entsprechende Budget. So oder so hat es Terius Nash geschafft, auf dem Remix von “Rockin’ That Shit”Fabolous, Juelz Santana, Rick Ross und Ludacris zu versammeln. Da fehlt eigentlich nur noch Weezy. Auch so ist das ein starkes Team, und so ist es natürlich nicht überraschend, dass der Remix der ohnehin schon starken Original-Version einiges hinzuzufügen weiß. Die beste Strophe gehört natürlich Luda, der einfach so mal den lyrischsten Verse abliefert, den man je auf einem R&B-Remix zu hören bekam: “Melt your imagination and mold it into reality / Your heart’s my art gallery, girl / Can you feel the pictures that I painted / ‘Cause all of them are related like a mother and a son / But none of them overrated / There no others, you the one / Our destiny is to make it.” Der alte Frauenversteher.
The-Dream feat. Fabolous, Juelz Santana, Rick Ross, Ludacris – “Rockin’ That Shit” (RMX) (Video)
Das kommt vermutlich davon, wenn man zu viel mit Kanye West abhängt. Auch Lil’ Wayne werden mittlerweile die HipHop-Genregrenzen zu eng, und so wird uns Dwayne Carter 2009 mit einem waschechten Rock-Album beehren. Wie sich so etwas dann anhört, verrät uns die Vorab-Single “Prom Queen”, zu der es seit kurzem auch ein offizielles Video gibt. Darin besingt/bekrächzt Weezy die Geschichte einer College-Schönheitskönigin, die dem jungen Mr. Carter einen Korb verpasst hat und Jahre später ihren Fehler bereuen muss: “Never forget the day / she laughed and walked away / and I couldn’t stop her / I guess she had it all / she had it all figured out / but she left me with a broken heart / fucked around and turned me down / ’cause she didn’t think I could play the part / but now the prom queen the prom queen / is crying sittin’ outside of my door / see you never know how / how everything could turn around.” Dazu gibt es trashige, Korn-inspirierte Gitarrensounds (Korn spielen übrigens auch im Video mit) und selbstverständlich jede Menge Autotune. In der Summe ergibt das einen hochinteressanten Song, der bei mir auch mit jedem Mal wächst. Das Rock-Album “Rebirth” kommt dann am 19. Mai – bestimmt nicht ohne Kanye-Feature.
Lil’ Wayne – “Prom Queen” (Video)
Den ollen Weezy gibt’s derzeit auch im Remix-Paket. So darf der 26-Jährige den “Turnin’ Me On”-Remix der immer noch grandiosen Keri Hilson mit einem brandneuen Verse veredeln. Das ist aber – wie auch der Part von T-Pain – völlig egal, wenn sich die sonst so nette Keri plötzlich zu einem waschechten Beyoncé-Diss hinreißen lässt: “Your vision cloudy if you think that you the best / you can dance / she can sing / but need to move it to the left”. Nun, verzweifelte Situationen erfordern verzweifelte Maßnahmen, und da Keris Karriere (zu Unrecht) noch immer noch nicht so recht abgehoben ist, nimmt man eben jede Promo mit die man kriegen kann – auch wenn Miss Hilson zu Beginn der Strophe mit großen Rehaugen versichert, sich nur etwas Luft machen zu wollen. So oder so: Beef zwischen heiß aussehenden R&B-Sängerinnen sind ganz großer Next-Level-Shit. Schade nur, dass sich Miss Knowles vermutlich zu keiner Antwort hinreißen lassen wird. Aber vielleicht schickt sie ja den Ehemann vor…
Keri Hilson feat. T-Pain & Lil’ Wayne – “Turnin’ Me On” (RMX)
Rollt schon mal den roten Teppich aus. Still, heimlich und leise hat sich Jim Jones an die Spitze des nach wie vor emsigen Diplomats-Kollektivs gesetzt, und jetzt ist Erntezeit. Zumindest, wenn es nach dem Capo geht, der mit dem am 24. März erscheinenden Album “Pray IV Reign” zur endgültigen Übernahme New Yorks ansetzt. Der gute Jimmy ist sich seiner Ausnahmestellung in diesem Spiel sogar so sicher, dass er sich auf seiner neuen Single “Na Na Nana Na Na” dazu hinreißen lässt, den halben Chorus in Kindersprache zu bestreiten. Tatsächlich gibt es nicht viele, die sich so einen dämlichen Refrain ungestraft erlauben könnten – und auch hier ist Jimmys unerwartete infantile Regression hart nervig. Ansonsten bekommen wir auf der zweiten Single des Dipset-Capos Größenwahn in gewohnt überbordender Dimension und sonst wenig Neues geboten, außer wir zählen einen kleinen Seitenhieb auf Rich Boy dazu. Nördlich der 125. regiert eben immer noch der Überfluss. Oder um es mit Jimmy zu sagen: “The definition of opulence.”
Jim Jones – “Na Na Nana Na Na” (Video)
Die neue Deichkind-Single ist zwar überhaupt nicht mein Fall, aber nach dem tragischen Tod von Bandmitglied und -produzent Sebastian Hackert wäre alles andere als ein Tribute enorm schäbig. Big S, rest in peace.