Bushido. Karel Gott. Alphaville. Was zunächst wie die fürchterliche Idee eines verpickelten Mash-Up-Sesselpupsers klingt, ist nun tatsächlich die zweite Single aus Bushidos Album “Heavy Metal Payback” geworden. “Für immer jung” covert (zumindest im Refrain) den 80′er-Klassiker “Forever Young” der Münsteraner Synthpop-Typen von Alphaville, und Karel Gott (of Biene Maja-Fame) liefert den Chorus. Diese Mischung gestaltet sich dank einer erfreulich kitschfreien Umsetzung und der starken Delivery Bushidos überraschend schmerzfrei. Der 30-Jährige schlüpft hier in die Rolle eines Familienvaters und beleuchtet dessen Probleme: Aufmüpfige Kinder, unterkühltes Verhältnis zur Frau, kranke Eltern. Besonders Letzteres bringt Bushido authentisch und eindringlich herüber – hier gibt es auch die größten Überschneidungen mit der eigenen Biographie: “Genieß den Augenblick, wenn du mit deinen Freunden bist / diesen Moment mit deiner Mutter, denn dann freut sie sich / irgendwann wird sie gehen / genieß den Augenblick, den du gerade mit ihr teilst, alles andere braucht sie nicht”. File under: Gute, eigenständige deutsche Popmusik. Und Karel Gott ist auch ein echt guter Sänger. Da, jetzt hab ichs gesagt.
Bushido feat. Karel Gott – “Für immer jung” (Video)
Ich hab nicht mehr viel Zeit, daher hier nur ein kurzer Verweis auf das neue Lil’ Wayne-Video zusammen mit Bobby Valentino. File under: Irgendwie dämlich, aber auch irgendwie großartig.
Lil’ Wayne feat. Bobby Valentino – “Mrs. Officer / Comfortable” (Video)
Wer nach seinem schamlos durchexerzierten, aber extrem unterhaltsamen Ausflug in die Popwelt (“Sie will mich”) befürchtet hatte, dass B-Tight zu Bobby Disco wird, dürfte von der neuen Single des Aggroberliners aus “Goldständer” einigermaßen beruhigt sein. “Ghettostar” ist nämlich eine gewohnt bombastisch ausgefallene Widmung des Märkischen Viertels, jedoch mit ungewohnt introspektiven Lyrics. Eindringlich beschreibt Bobby sein Heraufwachsen innerhalb des so genannten “abgehängten Prekariats”: “Scheiss mal auf die Rutsche Mann, die Kneipe war mein Spielplatz / Alkohol und Zigaretten / Häuser bauen aus Bierdeckeln / Würfelbecher und Verlierer, die immer zu viel setzen / [...] das war nicht die beste Zeit, aber auch keine schlechte Zeit”. Das Rad wird hier natürlich mitnichten neu erfunden, aber für einen Sureshot reicht es locker.
Besser fährt mir da nur die B-Single namens “Kingmässig” ein, die veritable Ansprüche auf den offiziellen “Nashorn”-Nachfolger anmelden könnte. Das Rezept lautet: Durchgeknallte Drums, wildes Urwaldgeschrei und sonst nichts. Klappt einfach immer. Remix mit Banjo bitte.
B-Tight – “Ghettostar / Kingmässig” (Video)
Auch Q-Tip scheint endlich in Fahrt zu kommen, denn dessen neues Album “The Renaissance” soll nun tatsächlich ab dem vierten November in den Läden stehen. Beinahe täglich leaken neue Tracks des Ex-Tribe-Vorstehers, von denen mir noch nicht alle gefallen wollen. Definitiv zu den Guten gehören allerdings das soulige, verträumte “Believe” mit Frauenliebling/Soulschmeichler D’Angelo sowie das furztrockene “Life Is Better” mit jedermanns Lieblings-Popjazz-Chanteuse Norah Jones. Diese charakteristische Quäk-Stimme will man aber auch einfach immer haben.
Q-Tip feat. D’Angelo – “Believe”
Q-Tip feat. Norah Jones – “Life Is Better”
Ebenfalls fett am Start ist derzeit Keri Hilson, zumindest dürften die letzten Wochen recht arbeitsintensiv für die 26-Jährige gewesen sein. So hat Keri unter anderem einen Gastauftritt im neuen Kardinal Offishall-Video namens “Numba 1 (Tide Is High)”, das sich recht schamlos des gleichnamigen Rocksteady-Klassiker der Paragons bedient und daraus ein unerhörtes Club-Brett bastelt. Fast ohne Synthies übrigens. Jaja, der Kardinal ist für so was schon der richtige Mann.
Keris eigene Single aus ihrem neuen, am neunten Dezember erscheinenden Album “In A Perfect World…” darf da natürlich nicht unter den Tisch fallen. Für “Return The Favor” hat Keri den längst fälligen Gegengefallen von Timbaland eingefordert, der zur Begleichung seiner Schulden ein wildes, retro-futuristisches (wenn man so will) Brett mit entgrenzten Drums rauslässt. Währenddessen werfen sich Keri und Timbo die üblichen Schweinereien an den Kopf. Geht durch.
Kardinal Offishall feat. Keri Hilson – “Numba 1 (Tide Is High)” (Video)
Keri Hilson feat. Timbaland – “Return The Favor” (Video)
Zum Abschluss noch zwei Musiktipps, in die ich selbst noch nicht reinhören konnte. Zum einen haben Dr. Dre, Eminem und 50 Cent ein Gratis-Mixtape namens “The Year Of The Aftermath” rausgehauen, randvoll mit uralten, raren, bislang unveröffentlichten Tracks des Dreiergespanns. Leftovers aus der “Chronic”-Produktion, Demotracks von Slim Shady sowie Curtis’ erste Gehversuche im New Yorker Untergrund lassen das Tape zumindest für Sammler und Historiker zur Pflicht werden. Wie gut die Musik selbst allerdings ist – keine Ahnung, das müsst ihr schon selbst herausfinden.
Selbiges gilt für John Legend, der freundlicherweise sein komplettes neues Album “Evolver” zum Probehören auf MySpace hochgeladen hat. Ich persönlich konnte mit dem Typen ja noch nie was anfangen, aber er soll ja so seine Fans haben…
Medienprofi, der ich bin, hab ich natürlich fett verschwitzt, dass heute die neue Curse-Single Premiere feiert. Doch dafür gibt es ja nette Promo-Menschen, die einen darauf hinweisen. Also alle schnell “danke” gesagt, aber dann zur Sache: Dass bei der zweiten Single die Wahl auf “Bis zum Schluss”, der Kollabo mit Silbermond, fiel, ist nicht wirklich verwunderlich – vor allem nicht, wenn man bedenkt, dass das in eine ganz ähnliche Kerbe schlagende “Und was ist jetzt” zu den größten Hits des Mindeners gehört. Wenig überraschend ist auch die Tatsache, dass “Bis zum Schluss” ein gewohnt intelligentes, emotionales Stück Rapmusik ist, dass ganz offen mit dem Pop flirtet: “Und natürlich seh ich das Schöne und bisher überwiegt es / Gott weiß ich lieb dich und halt fest, egal wie schwer die Kritik ist / doch auch ich hab begrenzte Kräfte, es gleitet aus meinen Händen / versuch’, meine Emotionen noch zu kontrollieren und verdrängen / ich will Chancen geben nochmal und nochmal, wir haben es verdient / es wär katastrophal, in Streit und Affekt diesen Strich zu ziehen”. Ab und an schrammt der Song über Trennungsschmerz und fehlende Kraft zur Versöhnung gefährlich knapp am Kitsch vorbei, besonders beim Refrain von Silbermond-Frontfrau Stefanie Kloß, die tonnenschweren Snares sorgen jedoch für ausreichend HipHop-Erdung. Unterm Strich bleibt eine große Vorstellung des 30-Jährigen, die demonstriert, wie deutsche Popmusik im Jahr 2008 gefälligst zu klingen hat. So und nicht anders.
Curse feat. Silbermond – “Bis zum Schluss” (Video)
Eine sehr gute Sache ist auch die erste Single aus dem neuen Foreign Exchange-Album namens “Leave It All Behind”. Auf “Daykeeper” stellt Phonte nicht nur unter Beweis, dass er neben ordentlich rappen (Achtung, Untertreibung) auch noch hervorragend singen kann, auch der Exil-Holländer Nicolay liefert am Beat eine starke Vorstellung ab. Der hat nämlich eine wunderbar verträumte und jazzige Unterlage für Phonte und Duettpartnerin Muhsinah zusammengezimmert, die so nur ganz wenige Beatbastler hinbekommen. Der Typ ist immer noch der beste Producer, den keiner kennt. Das sollte man definitiv ändern – “Leave It All Behind” ist ab heute im Handel erhältlich.
Für einen Moment dachte ich ja, Beyoncé hätte Weezy’s Konzept für das hoffentlich bald erscheinende “Ms. Officer”-Video geklaut. In Wahrheit ist der Clip zu “If I Were A Boy” (aus dem am 18. November erscheinenden Album “I Am…”) aber mördermäßig melodramatisch, wie es sich für eine anständige Power-Pop-Ballade gehört. Das Video hat definitiv was, abgesehen vom dämlichen, pseudo-kryptischen Ende – aber die Musik ist so austauschbar wie schon lang kein Song mehr aus der Feder der 27-Jährigen. Tatsächlich klingt “If I Were A Boy” wie eine Shakira-Single, und das ist durchaus als Beleidigung aufzufassen. Das in seinem Unplugged-Feeling gar nicht so unähnliche “Irreplacable” hat aufgrund seines besseren Konzepts noch funktioniert, aber das hier ist nicht viel mehr als radiotauglicher Plastik-Pop.
Da rolle ich lieber mit der 1B-Single “Single Ladies (Put A Ring On It)”, bei der viele Kommentatoren einen Vergleich zu “Get Me Bodied” gezogen haben. Das kann ich zwar nicht ganz nachvollziehen, aber dennoch steht der Song durchaus in der Tradition der Knowles’schen Heldentaten aus den B’Days. Wenn der olle Jigga jetzt vielleicht noch ein paar Gastverses bestreiten darf, wird alles gut.
Beyoncé – “If I Were A Boy” (Video)
Beyoncé – “Single Ladies (Put A Ring On It)”
Dass Aggro Berlin mal als Trendsetter in Sachen rotzfrecher Genre-Grenzüberschreitung gelten würde – ganz ehrlich, ich hätte es als Letzter gedacht. Umso vergnügter zieh ich mir da die neue B-Tight-Single namens “Sie will mich” rein, die einen wilden Mix aus HipHop, Electro, Pop und irgendwas mit verzerrten Gitarren darstellt. Klar dient diese plötzlich entdeckte Lust am Experimentieren auch der Ablenkung von den üblichen 08/15-Lyrics, aber ich persönlich kann damit sehr gut leben. Zumindest unterhält mich “Sie will mich” weitaus besser als alles, was Fler in den letzten vier Jahren so gemacht hat. Auch hier tauchen übrigens leicht bekleidete Polizistinnen auf – ich erkenne ein Muster…
B-Tight – “Sie will mich”
Zu guter Letzt: Ali A$ (bzw. einer seiner Lakaien) hat sein am Freitag erscheinendes Album “Bombe” komplett auf seine MySpace-Page hochgeladen. Ich konnte mir das Teil noch nicht komplett anhören, aber so viel ist klar: Wie sehr Samy Deluxe auf seinen Feature-Parts on fire ist, ist nicht mehr feierlich. Dessen drittes Soloalbum wird auf jeden Fall ein Problem. Mehr zur “Bombe” gibt es auf diesem Kanal wohl in den nächsten Tagen. Wenn ihr mich entschuldigt, ich geh jetzt Kate Perry hören.
Freiheit ist in der Juice zum Album des Monats gekürt worden. Man sollte jedoch immer mit etwas Skepsis an Reviews rangehen, aber die Platte musste trotzdem her. Ich habe den Kauf nicht bereut, denn Curse stellt irgendwie den Gegenstrom zu großen Teilen der Szene da, die inhaltlich nichts zu sagen haben, bzw. deren Inhalte mich nicht ansprechen. Zudem ist zumindest abseits der MZEE Edition kein Rapfeature auf dem Album zu finden, dafür illustre Größen wie Marius Müller Westernhagen, Silbermond, Xavier Naidoo oder Clueso.
Gerade bei dem Silbermond Feature war ich anfangs sehr skeptisch, aber nach mehrmaligem Höhren geht die Nummer immer noch gut ins Ohr und ist für mich eines der Highlights der Platte, obwohl es sich eher um eine Popbalade als um straighten Rap handelt. Allgemein fällt auf, dass das Album sehr poppig gehalten ist. Angefangen bei den sehr pianolastigen Instrumentals setzt sich das ganze durch die oben erwähnten Features fort. Curse spricht hier ganz klar nicht den 13 jährigen Aggro Berlin Fan an, sondern bewusst eine ältere Zielgruppe, die sich über die Songs gedanken machen. Einige der Inhalte wird ersterer auch gar nicht nachvollziehen können, grade die Songs über Beziehungen gehen sehr tief. Die Texte sind zum teil sehr schockierend gehalten, so erzählt Lila die Geschichte eines im Teenageralter schwanger gewordenen Mädchens, dessen Weg in der Psychatrie endet. Insgesamt lässt sich feststellen, dass alle Texte( vielleicht mit Ausnahme des ironischen Gold) sehr tief gehen und einen auch zum Nachdenken anregen.
Alles in allem kommt ein sehr gutes Album heraus, auch wenn sehr poppig gebe ich hier eine ganz klare Kaufempfehlung.
9/10
Goodvibes: Lila ft. Jaguar Wright, Bis zum Schluss ft SIlbermond, Gold