Man kann ihr ja wirklich nicht vorwerfen, sie würde es nicht versuchen. 1997 – das sind geradezu biblische elf Jahre, für alle, die jetzt keinen Taschenrechner bemühen wollen – hatte Imani Coppola mit “Legend Of A Cowgirl” ihren ersten und bis dato einzigen Hit. In der Folge releaste sie meistens independent noch sieben Soloalben, doch keines konnte auch nur annähernd an den Erfolg des Erstlings “Chupacabra” anknüpfen. Was soll man da nur tun? Nun, Imani schnappte sich den Bostoner DJ und Producer Adam Pallin und gründete mit ihm das Projekt Little Jackie. Spätestens seit dem weltweiten Erfolg von Gnarls Barkley scheinen solche Kollaborationen ja eine gute Idee zu sein, und tatsächlich könnte der 30-Jährigen nun endlich wieder der Sprung in das Rampenlicht gelingen. Eine wilde Mixtur aus Old-School-Soul, 2000er-Pop und einer Handvoll anderer Genres legt den Grundstein für einen verspielten, eingängigen, sommerlichen Sound, der noch dazu eigenständig und dennoch radiotauglich ist. Amy Winehouse-Disstracks (true story) wie “Crying For The Queen” sind zwar prinzipiell verachtenswert, aber der Song ist so hervorragend umgesetzt, dass ich über die inhaltliche Verfehlung hinweg sehen kann. Diesen und drei weitere Songs aus dem kommenden Album “The Stoop”kann man sich auf der MySpace-Page des Duos anhören, zu “Black Barbie” gibt es außerdem ein interessantes Video. Mein Favorit bleibt jedoch “The World Should Revolve Around Me”, welches ein einziger quietschbunter Egotrip in Tonform ist: “I got talent and I got tits.” Da wird wohl niemand widersprechen.
Nicht weniger vergnügt geht es bei Clipse zu, die nach einem langwierigen Rechtsstreit mit dem alten Label Jive nun bei Columbia Records untergekommen sind. Unter der Fittiche des legendären Rick Rubin werkeln die beiden Schneeschipper aus Virginia nun weiter an ihrem nächsten Album, doch zunächst steht das Debütalbum der Re-Up Gang an, welche bekanntlich neben den Gebrüdern Thornton noch Ab-Liva sowie Sandman als Mitglieder führt. Der vor kurzem aus der Platte geleakte Track namens “Fast Life” wird jedoch überraschenderweise nur Clipse-exklusiv beacktert; von den anderen beiden Mitgliedern keine Spur. Ist aber auch ziemlich egal, denn wenn schon Malice und Pusha T das fürchterliche Instrumental von Scott Storch nicht mehr retten können, dann brauchen sich Ab-Liva und der Sandmann erst recht nicht anstrengen. Das Ganze klingt ungefähr wie eine gemasterte Version des Themes irgendeines uralten Game Boy-Spiels, sprich ziemlich daneben. Wenn das das Ergebnis einer offeneren Zusammenarbeit mit verschiedenen Produzenten ist, dann muss die Frage erlaubt sein: Vielleicht sich doch besser wieder mit den Neptunes im Studio einschließen?
Bereits mit seinem Auftritt auf den “Country Music Awards” machte sich Snoop Dogg um die inneramerikanische Völkerverständigung verdient – und irgendwie war die ganze Nummer auch die logische Folge auf den berühmt-berüchtigten Roy-Black-Werbespot. Wer den plötzlichen Hillbilly-Spleen des Doggfathers aber nur als Gimmick abgetan hat, der sieht sich jetzt getäuscht: Tatsächlich ist seine neue Single “My Medicine” eine lupenreine Country-Nummer und eine Hommage an alle Künstler des schon etwas älteren dreckigen Südens, inklusive Shoutouts an Johnny Cash (“A real American Gangster”) und einem Cameo vom – zumindest in diesen Kreisen – legendären Willie Nelson. Auf einem temporeich vor sich hin rollenden Gitarren-Instrumental gibt sich Snoop der recht schamlosen Drogen- und Alkoholverherrlichung hin, was wohl schon fast als HipHop-Einfluss gewertet werden darf, der Country Music aber zumindest nicht fremd ist. “The more dedicated the more medicated”, stellt Calvin Broadus auch gewohnt pointiert klar. Das Verdikt lautet also: Super Sache. Kann man zwar kein bisschen Ernst nehmen, aber das tut hoffentlich auch keiner. Denn dem hohen Spaßfaktor des Songs tut das keinen Abbruch. Ob als nächstes ein posthumes Roy Black-Feature folgt?
Snoop Dogg – “My Medicine” (Video)
Währenddessen tut sich im Sunshine State mit Flo Rida ein neuer Fachmann für sinnlose Club-Banger hervor, jedoch nicht ohne prominente Hilfe. Für “In The Ayer”, die dritte offizielle Single aus “Mail On Sunday”, sicherte sich der 28-jährige Shootingstar diesmal die Hilfe von Black Eyed Peas-Vorsteher Will.I.Am, der sich mittlerweile einen respektablen Ruf als Hitproduzent erarbeiten konnte. “In The Ayer” (keine Roy Ayers-Hommage diesmal) schmiert aber im direkten Vergleich mit den Vorgängern ein wenig ab – sowohl “Low” als auch “Elevator” waren beide catchy, simpel, aber dennoch hinreichend interessant für Bohèmes wie mich. In der Kategorie “Catchyness” sind diesmal jedoch Schwächen auszumachen – der Refrain will einfach nicht so recht ins Ohr wie bei den vorherigen Singles. So sehr ich auch Miami Bass-Revivals begrüße und so super ich auch das Sample finde. Obwohl, vielleicht geht ja was in CD Quality…
Die Jungs von der Three Six Mafia gehören bekanntermaßen zu den größeren Spaßvögeln, die das amerikanische Rapgeschäft zu bieten hat. Wenn ihr demnächst mal nach Memphis, Tennessee kommt und euch langweilt: Anruf bei den Jungs genügt. Durchgeknallte Ideen im musikalischen Sinne hatte die Gruppe um Juicy J und DJ Paul seit ihrer Gründung im Jahr 1991 ebenfalls zur Genüge, und der frisch geleakte Track “I Got” aus dem am 24. Juni erscheinenden Album “Last 2 Walk” macht da keine Ausnahme. Denn wer allen Ernstes “Kernkraft 400″ der Münchner Elektro-Helden von Zombie Nation sampled, der hat meinen vollsten und aufrichtigsten Respekt. Klar, ansonsten geht bei der Mafia wieder nicht so viel; Frauen, Geld, schnelle Sportwagen, Getränke mit lustigen Farben – man kennt die Leier. Dazu gibt es noch ein Pimp C-Feature, das keines ist, weil das auch nur ein Sample ist, aber abgesehen von diesen kleinen Bescheißereien und textlichen Plattitüden bleibt “I Got” ein Track, der einzig und allein von seiner lustigen Idee lebt und mit genug Drinks unterm New Era-Käppi eine extrem spaßige Abfahrt werden dürfte. Und eine Idee pro Song ist nun mal mehr, als viele andere Kollegen aufbieten können.
Ungeschriebenes Gesetz in unserer Branche: Sobald Lil’ Wayne oder Jay-Z auf einem Track vertreten sind, ist er interessant genug, um gefeatured zu werden. Das gilt natürlich ganz besonders, wenn sich Dwayne und Sean Carter (nicht verwandt, nicht verschwägert, mind you) auf dem selben Song befinden. Bereits die Kollabo “Hello Brooklyn 2.0″ vom letzten Jigga-Album “American Gangster” war mit das Beste, was man 2007 auf die Ohren bekam – zu roh war der Beat, zu ausgekocht die Parts der beiden Protagonisten. Im Zuge des in genau drei Tagen anstehenden “Carter III”-Wahnsinns ist nun ein Song namens “Mr. Carter” im Netz gelandet, und wenn der God MC zum Staatsbesuch in Weezyiana vorbeischaut, ist klar, dass nicht weniger als die Neuerfindung des Rades erwartet wird. Gemessen an diesen Maßstäben klingt “Mr. Carter” beinahe schon banal. Auf einem majestätischen Soul-JazzFusion-irgendwas-Bastard mit Chipmunks-Refrain von DJ Infamous gehen die beiden Schwergewichte streng nach diplomatischem Protokoll vor: Staub von den Schultern fegen, die Hater ruhig auch mal bürsten und dann für die Öffentlichkeit einige Dinge gerade stellen. Dass das bei Carter & Carter auf einem höheren Niveau passiert als bei jeder anderen möglichen Kombination zweier Rapper, sollte ohnehin klar sein. Dass “Mr. Carter” also nicht zu den Glanzstücken von keinem der beiden gehört, spricht eher für Jigga’s und Weezy’s musikalischen Katalog als gegen den Song an sich.
Aus einer vertrauenswürdigen Quelle weiß ich, dass Washington D.C. gemeinhin als eine der langweiligsten Großstädte der USA gesehen wird. Auch musikalisch hat man seit Marvin Gaye nicht mehr viel aus der Hauptstadt gehört – wie groß ist also die Chance, dass einer der interessantesten Newcomer des Jahres ausgerechnet aus dem District kommt? Auftritt Wale. Die gewohnt unaufgeregte Musikpresse hat in dem 23-Jährigen bereits das nächste große Ding entdeckt und stellt ihn schon wie selbstverständlich in eine Reihe mit Kanye West und Lupe Fiasco. Wale selbst jedoch betrachtet sich in erster Linie mal als Wale und macht weiter Musik – die ihm von Amy Winehouse über Jay-Z bis hin zu ?uestlove und Lil’ Wayne eine Menge Fans und noch mehr Features eingebracht hat. Nach einem ordentlichen Internet-Hype ist Olubowale Folarin über Amy’s Produzent Mark Ronson auch über einen Major-Deal bei Interscope Records heran gekommen, das dieses Jahr sein viel erwartetes Debütalbum releasen wird. Zunächst steht allerdings das “Mixtape About Nothing” an, das ab dem 30. Mai über www.elitaste.com kostenlos zu beziehen sein wird. Dieses enthält laut Wale zwar eigentlich nur Ausschuß aus der Albumproduktion, den bereits geleakten Tracks nach zu urteilen, ist es aber durchaus ein Reinhören wert. Sowohl “The Hacksaw Jim Duggan” (feat. Skyzoo) als auch “The Crazy” zeigen auf, wie wahnsinnig gut Wale dieser Spagat zwischen beinahe kindlichem Spaß an der Sache und gesunder Arroganz gelingt. Als kleinen Bonus gibt es hier nochmal seinen Remix von Justice‘s Hitsingle “D.A.N.C.E.”, der ebenfalls eine sehr unterhaltsame Angelegenheit ist. Also auch für Leute, die nicht wie ich die allerhärtesten Groupies französischer Elektrobands sind.
Wale feat. Skyzoo – “The Hacksaw Jim Duggan”
Wale – “The Crazy”
Wale – W.A.L.E.D.A.N.C.E. (Video)
Auch Rick Ross hat weiterhin sein Ding am Laufen, wie es so schön heißt, und steckt nach dem zufriedenstellenden Erfolg seines Albums “Trilla” bereits mitten in den Aufnahmen zum Nachfolger “Deeper Than Rap”, der noch dieses Jahr erscheinen soll. Mit “Get Down” ist nun sogar schon ein Track von der Platte im Internet geleakt, auf dem sich Raus die Hilfe von Pharrell gesichert hat. In dem Song zählt Ross all seine Besitztümer auf, um die Dame seines Herzens für sich zu gewinnen – man kann über den Mann sagen, was man will, aber er weiß nun mal, wie’s geht. Wer den Ricky nicht erst seit gestern kennt, der weiß natürlich, dass Überraschungen hier eher nicht zu erwarten sind, aber genau dafür gibt es ja Typen wie Pharrell, die noch einen unterhaltsamen und interessanten Song daraus machen. Und spaßig ist es ohnehin immer, dem alten Rauschebart zuzuhören.