Sowohl Jay-Z als auch die viel zu früh verstorbene Afrobeat-Legende Fela Kuti gehören sicherlich zu den einflussreichsten schwarzen Musikern der letzten 100 Jahre. Grund genug für DJ Mike Love aus Chicago, die beiden mal zum Königstreffen aufeinandertreffen zu lassen. Herausgekommen ist dabei das vielleicht beste Mash-Up-Tape, das ich je gehört habe – und wer meinen tiefen Hass auf Mash-Ups kennt, weiß, wie schwer mir dieser Satz von den Tippfingern gerät. Auf “Nigerian Gangster” mixt Mike Love die Vocals von Hovas “American Gangster”-Album mit den größten Hits des nigerianischen Volkshelden. Neben der ganz offensichtlichen handwerklichen Versiertheit, mit der dieses Tape zusammengeschraubt wurde, fällt ganz besonders positiv auf, wie Mike mit ein paar simplen Kniffen manchen Songs eine völlig andere Grundstimmung verpasst hat. Aus dem ursprünglich pathosgeschwängerten “American Dreamin’” wird ein tanzbares, Psychedelic-Rock-beeinflusstes Monster mit äußerst unorthodoxen Claps, das minimalistisch angelegte “Blue Magic” wird zu einer jazzigen Lounge-Nummer, während “Sweet” mit Hilfe eines einzigen Bläser-Loops zum stärksten Song des Tapes mutiert. Ganz generell gesprochen also eine super Sache, und zu diesem Zeitpunkt darf man’s auch mal ruhig aussprechen: Mixtape des Jahres.
Keiner an der Ecke hat so viel Swagger wie er. Als wäre das nicht schon jedem klar, hat Jay-Z nun ein weiteres Manifest seiner Ausnahmestellung im Spiel vom Stapel gelassen. Der neu im Netz zirkulierende Song namens “Go Hard” featured Santogold am Refrain sowie Kanye West am Beat, und ist eine verdammt monströse Hymne über den New Yorker Stadtteil Brooklyn, in dem Jigga den Großteil seines Lebens verbracht hat. Während Shawn Carter in der ersten Strophe noch Ansage nach Ansage dropped und grob geschätzt drei neue Flows erfindet, wird es im zweiten Verse eher introspektiv und selbstreferentiell: “Mama never had an abortion / Papa sorta did / still I managed to live / I go hard / I owe it all to the crib / now tell me: What the fuck’s harder than this?” Da geraten der Gastbeitrag von Santi White sowie Yeezy’s hymnisches Beatgerüst fast schon zur Nebensache. Der Track wird übrigens nicht auf Jigga’s nächstem Soloalbum, sondern auf dem Soundtrack zum kommenden Notorious B.I.G.-Biopic “Notorious” enthalten sein. Der hatte zum Thema “Swagger” ja auch einiges zu sagen…
Jay-Z feat. Santogold – “Brooklyn Go Hard”
Mein Posteingang quillt mal wieder über vor neuen Mixtapes. Doch die Perlen waren diesmal schnell gefunden: Da hätten wir zum einen Clipse, die uns als Vorgeschmack auf das neue, ungeduldig erwartete Album “Till The Casket Drops” ein neues Mixtape vorlegen. “Road To Till The Casket Drops” ist in Zusammenarbeit mit dem Complex Magazine sowie der Urban-Wear-Linie Play Clothes entstanden und featured insgesamt neun Mal Malice und Pusha T, wie sie sich ein paar der heißesten Beats der letzten Monate annehmen. So etwas ist in der Regel bestenfalls unspektakulär, aber wie die beiden Thornton-Brüder Instrumentals wie “Pop Champagne”, “Feds Takin’ Pictures” oder sogar “Addiction” von Ryan Leslie pulverisieren, ist einmal mehr ein verdammt großer Spaß. Alleine schon die Clipse-Version von “Big Dreams” ist den Download wert – hoffentlich hat The Game gut hingehört und sich Notizen gemacht. Damit er das nächste Mal weiß, wie man so einen Beat zerlegt.
Etwas ruhiger ließ es da der Kollege Colin Munroe angehen. Nach seinem gelungenen “Flashing Lights”-Cover ist es etwas ruhiger um den talentierten Kanadier geworden, doch nun legt uns Colin ein Mixtape namens “Colin Munroe Is The Unsung Hero” vor, auf dem sich prominente Featuregäste wie Black Milk, Joell Ortiz und sogar Mims die Klinke in die Hand drücken. Dass Colins eigenwilliger Stil den großen Soul-Helden der 1960er und ’70er genauso viel schuldet wie irgendwelchen wilden Stadionrock-Eskapaden, macht dieses relativ aufwendig produzierte Tape nur umso interessanter. Da folgt dann schon mal eine astreine PowerPop-Nummer wie “Last Cause” auf ein Bob Dylan-Cover (“Who Killed Davey Moore”). Am besten fahren mir jedoch das rockige “Brick In The Wall” ein, auf dem sich Skyzoo austoben darf, sowie der wilde Genre-Mix namens “Cannon Ball” mit dem mir bislang unbekannten Drake am Gastreim. Eigenständiger Sound, Gespür für große Melodien, geschmackssichere Featuregäste: Da geht was. Von dem Jungen hören wir noch.
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen sind Vorbilder gefragt. Busta Rhymes schielte für “Arab Money” gleich zu den Ölscheichs und Sultan-Großfamilien dieser Welt und sorgte damit für den Hit der Stunde. Das unverschämt druckvolle Instrumental von Ron Browz hat jetzt auch einen mit prominenten Namen gespickten Remix erhalten, auf dem sich Diddy, Swizz Beatz, T-Pain, Akon und Lil’ Wayne die Ehre geben. Allesamt keine armen Schlucker, die im Zuge ihres Schwänzevergleichens und Eierschaukelns auch kein Klischee auslassen. Oder um es mit Diddy zu sagen: “Fuck the recession, I’m still investing”. Das sorgt natürlich für schwer sinnlose Metaphern und Verses, was aber auch den Unterhaltungswert dieses Remixes ausmacht. Der sinnloseste Verse stammt von? Swizzy. Wer hätt’s gedacht.
Busta Rhymes feat. Ron Browz, Diddy, Swizz Beatz, T-Pain, Akon, Lil’ Wayne – “Arab Money” (RMX)
Wo wir gerade bei Lil’ Wayne sind: Der König von Weezyiana hat zusammen mit seinen Partners in Crime von The Empire den sechsten Teil seiner “Drought”-Mixtapereihe veröffentlicht. “The Drought Is Over Pt. 6 (The Reincarnation)” klingt zwar leider nicht ganz so wahnsinnig wie der Vorgänger, kann aber trotz allem mit einigen Bangern aufwarten. Da wären zum Beispiel der Opener “I’m A Monster”, das nicht nur vom Titel her als veritabler “I’m A Beast”-Nachfolger durchgeht, oder “Blinded” mit einem ziemlich dreisten Sample von der Manfred Mann’s Earth Band. Mein Lieblingstrack bleibt aber “Tell Everybody That You Know” mit Kanye West, das während des Aufnahmeprozesses zu “808 & Heartbreak” entstanden sein muss. Wie das Duo Weezy und Yeezy die Autotune-gepushten Rockstars gibt, ist schwer hitverdächtig. Ansonsten gibt es noch halbfertige Songskizzen, ein paar Dirty-South-Representer und Features von namhaften Größen wie dem unermüdlichen Swizzy, The Game, Rick Ross oder Chris Brown. Geht also locker durch das Ganze, vor allem zum Vorzugspreis von EUR 0,00. Als Nicht-Araber muss man seine Kröten eben zusammenhalten.
Heute gibts mal ein paar Songs, die mir ganz gut ins Ohr gehen.
Zunächst einmal etwas Afrobeat von den grandiosen BLK JKS aus Südafrika:
Kanye hat vor kurzem einen gewissen Kid Cudi gesignt, der Song gefällt mir vom bei über die Website der Kleidungsmarke 10deep releasten Mixtape persönlich am besten. Get the Tape und als Vorgeschmack schonmal: Cleveland is the reason:
Ich bin momentan etwas auf Grime hängengeblieben und nachdem Kano in einem Interview einen Typen namens Ghetto erwähnt hat, hab ich den mal ausgecheckt. Super cooles Video, aber seht selbst:
Wer nach seinem schamlos durchexerzierten, aber extrem unterhaltsamen Ausflug in die Popwelt (“Sie will mich”) befürchtet hatte, dass B-Tight zu Bobby Disco wird, dürfte von der neuen Single des Aggroberliners aus “Goldständer” einigermaßen beruhigt sein. “Ghettostar” ist nämlich eine gewohnt bombastisch ausgefallene Widmung des Märkischen Viertels, jedoch mit ungewohnt introspektiven Lyrics. Eindringlich beschreibt Bobby sein Heraufwachsen innerhalb des so genannten “abgehängten Prekariats”: “Scheiss mal auf die Rutsche Mann, die Kneipe war mein Spielplatz / Alkohol und Zigaretten / Häuser bauen aus Bierdeckeln / Würfelbecher und Verlierer, die immer zu viel setzen / [...] das war nicht die beste Zeit, aber auch keine schlechte Zeit”. Das Rad wird hier natürlich mitnichten neu erfunden, aber für einen Sureshot reicht es locker.
Besser fährt mir da nur die B-Single namens “Kingmässig” ein, die veritable Ansprüche auf den offiziellen “Nashorn”-Nachfolger anmelden könnte. Das Rezept lautet: Durchgeknallte Drums, wildes Urwaldgeschrei und sonst nichts. Klappt einfach immer. Remix mit Banjo bitte.
B-Tight – “Ghettostar / Kingmässig” (Video)
Auch Q-Tip scheint endlich in Fahrt zu kommen, denn dessen neues Album “The Renaissance” soll nun tatsächlich ab dem vierten November in den Läden stehen. Beinahe täglich leaken neue Tracks des Ex-Tribe-Vorstehers, von denen mir noch nicht alle gefallen wollen. Definitiv zu den Guten gehören allerdings das soulige, verträumte “Believe” mit Frauenliebling/Soulschmeichler D’Angelo sowie das furztrockene “Life Is Better” mit jedermanns Lieblings-Popjazz-Chanteuse Norah Jones. Diese charakteristische Quäk-Stimme will man aber auch einfach immer haben.
Q-Tip feat. D’Angelo – “Believe”
Q-Tip feat. Norah Jones – “Life Is Better”
Ebenfalls fett am Start ist derzeit Keri Hilson, zumindest dürften die letzten Wochen recht arbeitsintensiv für die 26-Jährige gewesen sein. So hat Keri unter anderem einen Gastauftritt im neuen Kardinal Offishall-Video namens “Numba 1 (Tide Is High)”, das sich recht schamlos des gleichnamigen Rocksteady-Klassiker der Paragons bedient und daraus ein unerhörtes Club-Brett bastelt. Fast ohne Synthies übrigens. Jaja, der Kardinal ist für so was schon der richtige Mann.
Keris eigene Single aus ihrem neuen, am neunten Dezember erscheinenden Album “In A Perfect World…” darf da natürlich nicht unter den Tisch fallen. Für “Return The Favor” hat Keri den längst fälligen Gegengefallen von Timbaland eingefordert, der zur Begleichung seiner Schulden ein wildes, retro-futuristisches (wenn man so will) Brett mit entgrenzten Drums rauslässt. Währenddessen werfen sich Keri und Timbo die üblichen Schweinereien an den Kopf. Geht durch.
Kardinal Offishall feat. Keri Hilson – “Numba 1 (Tide Is High)” (Video)
Keri Hilson feat. Timbaland – “Return The Favor” (Video)
Zum Abschluss noch zwei Musiktipps, in die ich selbst noch nicht reinhören konnte. Zum einen haben Dr. Dre, Eminem und 50 Cent ein Gratis-Mixtape namens “The Year Of The Aftermath” rausgehauen, randvoll mit uralten, raren, bislang unveröffentlichten Tracks des Dreiergespanns. Leftovers aus der “Chronic”-Produktion, Demotracks von Slim Shady sowie Curtis’ erste Gehversuche im New Yorker Untergrund lassen das Tape zumindest für Sammler und Historiker zur Pflicht werden. Wie gut die Musik selbst allerdings ist – keine Ahnung, das müsst ihr schon selbst herausfinden.
Selbiges gilt für John Legend, der freundlicherweise sein komplettes neues Album “Evolver” zum Probehören auf MySpace hochgeladen hat. Ich persönlich konnte mit dem Typen ja noch nie was anfangen, aber er soll ja so seine Fans haben…