Es ist ja nicht nur deswegen, weil Isaac Hayes erwiesenermaßen ein Genie war: Man muss auch einfach mal einem Mann Respekt zollen, der das Wort “dick” ungefähr zwanzig Jahre, bevor es cool war, bereits mit Freuden in seinen Songs verwendete. Am zehnten August starb der neben James Brown vielleicht einflußreichste schwarze Musiker des 20. Jahrhunderts, und die zahlreichen Trauerbekundungen werden langsam durch hörenswerte Tribute-Projekte abgelöst. Am meisten beeindruckt hat mich dabei “SAMPLOLOGY – The Isaac Hayes Chapter” von DJ Parler aus New York City, hauptberuflich ziemlich hohes Tier bei Koch Records. Der reiht in diesem Mixtape Rap-Klassiker, die sich in Form von Samples an Hayes bedient haben, an die Originalquellen und zeigt damit die enorme Wirkung auf, die vom Schaffen des Stax Records-Musikers auf die HipHop-Kultur ausging. Da Songs wie Jay-Z‘s “Can I Live”, “My Mind Playing Tricks On Me” der Geto Boys oder Public Enemy‘s “Black Steel In The Hour Of Chaos” auch für sich genommen absolute Classics sind, ergibt das Ganze nicht nur einen äußerst aufschlussreichen, sondern auch vergnüglichen Ritt durch beinahe 50 Jahre Musikgeschichte. Parler hält sich außerdem vornehm mit Scratches sowie Name-Drops zurück und lässt einzig und allein die Artists scheinen. (On that note: Wenn DJ Premier ein ähnliches Projekt plant, will ich es gar nicht wissen.) Kurz zusammengefasst: Ein großer Musiker hat hier einen würdigen Tribut erhalten, und sobald die ersten Takte von “Theme From Shaft” erklingen, ist alles super. Black Moses, rest in peace.
Der Typ ist und bleibt ein Phänomen. In Zeiten, in denen die meisten Bediensteten in der Musikindustrie nicht mehr wissen, wie eine siebenstellige Zahl überhaupt aussieht, setzt Lil’ Wayne mal eben über eine Million Kopien von “Tha Carter III” ab – alleine in den USA und alleine in der ersten Woche. Interessant dabei ist, dass Dwayne Carter sich weiterhin eine gesunde No-Bullshit-Attitüde bewahrt hat. Denn wie sonst ist zu erklären, dass die nächste Single ausgerechnet “A Milli” ist, seines Zeichens der interessanteste, aber am wenigsten massenkompatible Song des Albums? Nun muss man zu dem Track leider wissen, dass die Album-Version nichts ist im Vergleich zum Original, das auf dem grandiosen “Da Drought Is Over”-Mixtape kursierte – ein wenig Enttäuschung ist also vorprogrammiert. Denn während Weezy sich auf der Mixtape-Version noch wie vom Affen gebissen von Zeile zu Zeile hangelte und generell wie ein komplett Wahnsinniger klang, wirkt das hier alles ein wenig müde und uninspiriert. Lobend hervorzuheben ist allerdings das interessante Konzept des Videos, in dem Wayne einfach in der Drehpause eines anderen Videoshoots zu sehen ist. Auch wenn diese rote Hose natürlich überhaupt nicht geht.
Lil’ Wayne – “A Milli” (Video)
Geschätzte drei Milliarden Mixtapes sind mir heute in den Posteingang gespült worden, von denen ich die besten natürlich umgehend weiterreichen will. Da hätten wir zum einen The Kid Daytona, der ein äußerst ambitioniertes Projekt für alle Freunde der alten Schule auf die Beine gestellt hat. Auf “A Tribe Called Fresh” interpretiert der New Yorker mit der Hilfe einiger prominenter Freunde die größten Hits von – richtig geraten, A Tribe Called Quest. Wer sich einen Eindruck davon verschaffen möchte, mit wie viel Respekt und Liebe zum Detail hier vorgegangen wurde, dem sei das Video zu “Stressed Out ’08″ empfohlen, auf dem nicht nur Exilbritin Estelle beeindruckend souverän den Part von Faith Evans übernimmt, sondern auch die frisch wiedervereinigten Capone-N-Noreaga ein paar Zeilen droppen.
In Frankfurt hat derweil der stets spendable DJ Kitsune eine wahre Mixtape-Offensive begonnen. Auf djkitsune.com hat der Shadyville-DJ bereits zwei absolut hörenswerte Mixtapes mit Sommerhits aus den ’80ern bzw. ’90ern online gestellt, ein weiteres soll folgen. Worum es in dem dann geht? Schwer zu erraten…
Last but auf keinen Fall least wäre hier noch DJ Drama zu nennen, dem in Sachen Gemischtkassetten ja auch Geben oftmals seliger denn Nehmen ist. Für die neueste Ausgabe seiner “Gangsta Grillz”-Serie namens “The City Is In Good Hands” hat sich der DJ aus Atlanta die Hilfe von niemand geringerem als Vocoderpromoter-Countrysänger-Monknebendarsteller-und-ja-manchmal-auch-noch-Rapper Snoop Dogg gesichert. Raw Shit!
Kreative Selbstvermarktung, Teil 1: Das groß angekündigte und gespannt erwartete “erste interaktive Musikvideo der Welt” zu K.I.Z.‘s “Neuruppin” ist online. Unter www.kiz-neuruppin.de lässt sich nun das Werk begutachten, und das Verdikt lautet: Gelungen. Es hat was von diesen uralten Point & Click-Adventures, die es in den Anfangstagen des PC’s zu Hunderten gab; an einer Stelle im “Video” gilt es sogar, ein Rätsel zu lösen! Zumindest, sofern man “Benutze Schlüssel mit Tür” als Rätsel ansieht. Der Song? Naja, auf “Hahnenkampf” gab es zwar noch weitaus besseres Material, dennoch bleibt “Neuruppin” ein gelungener Ausflug der Kannibalen in Zivil in das speziell in Berlin beliebte Genre des Horrocore. Noch ein bisschen Trivia, die mir selbst nicht bekannt war: Der Song basiert zum einen auf einer wahren Geschichte (Quelle: Wikipedia) und ist zum anderen ein Cover von “House Of The Rising Sun” von The Animals (Quelle: Meine Freundin). Bleibt nur eine Frage – wo zur Hölle versteckt sich Tarek im Video?
Kreative Selbstvermarktung, Teil 2: Um die Wartezeit auf das neue G-Unit-Album zu überbrücken und um ein wenig von dieser Sache mit Young Buck und dem mitgeschnittenen Telefongespräch (siehe rechts) abzulenken, hat sich 50 Cent nun mit Radio-DJ Mr. Cee zusammen getan, um ein neues Mixtape aufzunehmen. Soweit nichts Neues, der Kniff an “Sincerely Yours” ist jedoch, dass Fifty ausschließlich über Funk- und R&B-Hits der 1970er und ’80er spuckt. Man kann von Curtis Jackson ja halten, was man möchte – aber es ist einfach nur ein Riesenspaß, wie anarchisch der Guerilla-Unit-Vorsteher über Hits wie “Don’t Stop The Music” von Yarbrough & Peoples brettert. Genau diesen Spaß merkt man Fifty auch durchgehend an, so dass “Sincerely Yours” sogar meinen bisherigen Favoriten “Return of The Body Snatchers” vom Thron in der Kategorie “Bestes Mixtape 2008″ stößt. Fortsetzung mit Electrosongs aus den ’80ern bitte.
Kennt noch jemand das “White Grey Album”? Dieses Mixtape mit Jay-Z-Vocals über Instrumentals der Beatles? Für alle, die es nicht kennen, hier eine Kurzrezension: Das Teil ist richtig, richtig scheiße. Dementsprechend niedrig war meine Aufregung, als ich erstmals vom “Green Album” von Omer Saar hörte. Aber nachdem ich eigentlich nur pflichtschuldig reinhören und durchskippen wollte, war ich eines Besseren belehrt, denn hier wurde eine gute Idee professionell umgesetzt. Omer hat sich nämlich eine Best-Of von Al Green geschnappt, sich einen Wolf gesampled und seine Lieblings-Rap-Strophen aus den goldenen ’90ern darüber gejagt. So spuckt Big L über einen Piano-Schmeichler (“MVP Interlude”), die legendäre “Affirmative Action”-Kollabo von Nas und Supreme NTM wird mit einem frühlinghaften Streicher-Beat unterlegt und der ganz frühe Common tobt sich auf “Communism” aus (siehe unten). Eine ganz und gar vergnügliche Veranstaltung für Freunde der alten Schule also, und auch super Futter für den iPod im langsam kommenden Sommer. Kurze Werbe-Einblendung: Das neue Al Green-Album ist übrigens auch Bombe.
Mit wem der Jimmy gerade gut kann und mit wem nicht – geschenkt. Denn selbst wenn ich den Überblick über die Streitereien innerhalb des Diplomats-Kollektivs behalten hätte: Am Ende des Tages zählt die Musik, und dass Jim Jones als Teil dieser Truppe in den letzten Jahren mehr zur Ehre des ehemaligen HipHop-Mekkas New York beigetragen hat als all die anderen angeblichen Battle-Asse und selbsternannten Retter des Big Apple zusammen, kann von niemandem ernsthaft angezweifelt werden. Nun hat der Harlemite zusammen mit DJ Scooby Doo ein neues Mixtape namens “Street Religion (Love Me No More Special Edition)” am Start, das den Auftakt einer ganzen Reihe angekündigter Projekte aus dem Dipset-Camp darstellt. Klar, wer den Jimmy kennt, der weiß, was hier geht – noch immer pendelt der Flow des 31-Jährigen irgendwo zwischen Aufregung, Melancholie und einer gepflegten Portion Langeweile. Und noch immer ist Jones sein eigener bester Backup-Rapper. Höhepunkte sind die unfassbar ignoranten Zeilen von Jimmy und Dipset-Kollege Juelz Santana auf “Stack Money”, das soulige “Skull Gang Byrd Gang Blocks” (ebenfalls mit Juelz), das D-Block-Feature auf dem äußerst einfallsreich betitelten “D-Block / Dipset” sowie das in gefühlt einstelliger bpm-Zahl gehaltene Bass-Monster “Religion In My Streets”. Dazu gibt es noch Gehversuche auf Fremdbeats (“Success”, “I Get Money”, “Can’t Tell Me Nothing”), vernachlässigbare Freestyles, viel zu lange Outros und furchtbare Gastverses von irgendwelchen Vögeln, die ich hoffentlich nie wieder auf irgendwelchen Releases sehe. Wie sich’s halt für ein gutes Mixtape vom Jimmy gehört.
Im Gespräch mit der “JUICE” stellte Kool Savas unlängst die gewagte These auf, dieser Lil’ Wayne sei gar nicht so gut, wie alle immer behaupten. Richtig zufriedenstellend wird sich diese Frage ohnehin erst mit dem Release von “Tha Carter III” am zehnten Juni klären lassen, aber Weezy’s neuem Mixtape nach zu urteilen, könnte S-A-V in diesem Fall daneben liegen. “Da Drought Is Over 5: Grand Closing” erklärt die Dürre im Königreich Weezyiana offiziell für beendet und fährt erwartungsgemäß Wahnsinn in nicht geringen Mengen auf, mit dem er schon in der Vergangenheit treudoofe Fanboys wie mich für sich gewinnen konnte. Meine Favoriten sind bislang der Opener “I” mit Blues-Anleihen und gewohnt genialem Einstieg (“Woke up this morning with a naked woman like I was making a porno / but I don’t remember how she made it to my bed / I gotta figure it out before she wake up in my bed”), “I Got My” mit den beinahe schon Timbaland’schen Eighties-Synthie-Elementen im Refrain, “Single Again” mit Rick Ross und Trina sowie “To Clean”, auf dem Weezy mit einer gewissen Lil’ Chuckie plötzlich ein weibliches 1:1-Abziehbild von sich selbst aus dem Hut zaubert. Den Vogel schießt Dwayne Carter allerdings mit “Milli” ab, in dem der “Best Rapper Alive” jedwede Konvention im HipHop lustvoll platt macht – Rap auf Beat ist das nämlich irgendwie nur noch so halb, dope wie Hölle ist es dennoch. Den “Lollipop” gibt’s dazu noch gratis obendrauf. Fazit: In dieser Form wird “Tha Carter III” zum Monster. Und wie sehr gewisse purpurne Substanzen Weezy dabei behilflich sind, sich solches Zeug von der Hirnrinde zu kratzen – geschenkt.