Review: Erykah Badu – “New Amerykah – Part One (4th World War)”

Review, Soul & Funk No Comments

“I don’t know what to do about the recession and the inflation and about the crime in the streets, all I know is that you’ve got to get mad!”, raunzt einem eine männliche Stimme in der Mitte des Albums entgegen. Erykah Badu selbst sprach im Vorfeld von “New Amerykah” davon, “für ihre Rasse und ihren Planeten” sprechen zu wollen und unterlegt dies mit dem Cover der Platte, auf dem ihre Afro-Frisur gleichzeitig eine Collage aus Dollar-Zeichen, Militärfahrzeugen und Handschellen ist. Doch wie aufrührerisch und politisch ist das Album wirklich? Und was geht überhaupt mit der Musik?
Tatsächlich hat Badu auf “New Amerykah” eine Menge zu sagen, begeht aber mitnichten den Fehler, den viele andere Kollegen aus der Indie-Szene immer wieder begehen: Der musikalische Part wird nicht zugunsten des lyrischen vernachlässigt, was die Platte vielschichtiger macht und sie somit tatsächlich mehr als einmal gehört werden muss, um sie in ihrer ganzen Dimension begreifen zu können; beim groben Hinhören nimmt man ansonsten nämlich höchstens die vereinzelt auftretenden Shoutouts an Louis Farrakhan wahr. Alleine der Intro-Track “Amerykahn Promise” – ein Roy Ayers-Cover – ist eine beispielhaft exerzierte Verneigung vor dem Blaxploitation-Kino der Siebziger, ähnlich wie das an sich stark afrozentrische “Master Teacher” mit der großen NeoSoul-Hoffnung Georgia Anne Muldrow, das auch losgelöst von den Lyrics einen großen Song abgäbe. Erykah ist – wie jeher – nicht zu stolz, ihre Message(s) in einen groovenden, aber dennoch eigenständigen Sound zu verpacken, der dem Jazz mindestens so viel schuldet wie dem Funk und somit wieder ins Gedächtnis ruft, woher diese Vergleiche mit Billie Holiday gleich nochmal stammen.
Interessant ist auch, wie viel die Texanerin von ihrer Persönlichkeit und ihrem Leben preisgibt. Mit dem von Madlib produzierten und an dieser Stelle bereits ausgiebig gefeierten “The Healer” setzt sie sich nicht nur als “Priestess of HipHop” ein spirituelles Denkmal, sondern fasst auch ihren Abschiedsschmerz vom großen J Dilla in gebührende Worte. Im darauf folgenden, programmatisch betitelten “Me” geht Erykah in schonungsloser Ehrlichkeit in medias res: “This year i turned 36 / damn it seems it came so quick / my ass and legs have gotten thick / it’s all me”. “New Amerykah” funktioniert für die Protagonistin somit nicht nur als Denkansatz über die Welt und die sie bewohnende Gesellschaft, sondern auch über deren kleinsten Teil: Das Individuum.

Angesichts dessen ist es schon ziemlich kurios, dass “Honey” die erste Single des Albums ist – zweifelsohne ein toller Song, aber zusammen mit “That Hump” der am wenigsten ambitionierteste. Dabei dürften wohl auch kommerzielle Erwägungen eine Rolle gespielt haben. Dennoch ist “New Amerykah” ein bemerkenswertes Album, das aufgrund seiner Komplexität zwar zunächst schwer zu verdauen ist, dann aber mit einer Reihe großer Songs belohnt.

09/10

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Erykah Badu: “New Amerykah Part One (4th World War)”

Single: “Honey”

(flo)

Review: Dynamite Deluxe – “TNT”

Deutschland, HipHop, Review 2 Comments

“Der Thron Ist Meiner”. “Mein Flow Ist”. “Newcomer Des Jahres”. Puh. Als ich vor zwei Wochen erstmals die Tracklist zum ersten großen Rapereignis des Jahres in Händen hielt, überkam mich die Angst, Dynamite Deluxe könnten in eine ähnliche Falle tappen wie Kool Savas, der - bei aller technischer Virtuosität - auf seinem letzten Album arg verkniffen wirkte. All or Nothing also? Und würden Samy, Tropf und DJ Dynamite es schaffen, den Bogen von ’00 zu ’08 zu schlagen, um den Rap-Hörer von heute anzusprechen, aber gleichzeitig “Deluxe Soundsystem”-Nostalgiker nicht zu enttäuschen? Dementsprechend entwickelte sich im Vorfeld zu “TNT” entweder eine übertriebene Erwartungshaltung, die von dem Album mindestens die Rettung des deutschen HipHops verlangte, oder aber Unkenrufe, DD könnten sich wie die viele andere Ikonen aus scheinbar längst vergangener Zeit mit einer Art Reunion lächerlich machen. Ich mein, seien wir mal ehrlich: Fugees, Wu-Tang, Public Enemy – wir kennen die Namen.  Und dann auch noch die Singles! “Boombox” – Samy ist zurück, endlich ist echter HipHop wieder da! “Dynamit!” – oh nein, der geldgierige Kommerz-Samy zeigt abermals seine hässliche Fratze! Und wer diese Darstellung für übertrieben hielt, der möge sich doch bitte schnell die einschlägigen YouTube-Comments ansehen.

Aber bereits bei den ersten beiden Tracks wischt man diese Gedanken beiseite und begibt sich ganz ins Hier und Jetzt. “Erster Song” setzt da ein, wo das “Deluxe Soundsystem”-Outro “Bis Dato” aufgehört hat; das selbe Sample, aber eine epochalere Umsetzung. In Track Nummer Zwei, dem eingangs erwähnten “Newcomer Des Jahres“, serviert Samy über einem furztrockenen Instrumental samt Acapella-Momente auch gleich Parts, die einige Nachwuchsrapper verschämt in die Ecke schicken dürften: “Ihr Rapper seid wirklich funny, redet von Ice und von Money, doch deine kleine Kette gibt’s bei Snipes für’n Zwanni“.  Yeah.  Tropf und Dynamite vermeiden es auch die ganze Spielzeit über erfreulich konsequent, sich irgendeinem Zeitgeist anzubiedern. Natürlich klingt das alles genauso modern, wie es sich für ZwoAcht verdammtnochma gehört, aber das kohärente Soundbild wird immer wieder mit richtig feinen Ideen angereichert, die “TNT” genauso aus der Masse hervorstechen lassen wie seinerzeit das Erstlingswerk. Da wären zum Beispiel “Weiter” und “Mein Problem (Take It Easy)” zu nennen, die beide offensichtliche Dancehall- und Reggae-Elemente aufweisen. Aber während Ersteres eine designierte Club-Bombe darstellt (wenn es nicht so gar nicht angesagt wäre, deutschen Rap aufzulegen), ist Letzteres nach anfänglicher Skepsis zu einem richtig coolen Liebeslied angewachsen, das hoffentlich als dritte Single ausgekoppelt wird. Positiv fällt außerdem das Outro “Letzter Song” mit seinem dezenten Bossa Nova-Vibe und den Auto-Tune-Spielereien (et tu, Samy?) auf.

Überhaupt, Samy. Der Baus of the Nauf variiert seinen Flow auf “TNT” viel häufiger, als man es von seinen letzten Werken gewohnt war und wirkt generell viel experimentierfreudiger und gelöster, so dass ihm bei jeder Silbe der Spaß an der Sache deutlich anzumerken ist. Von Stakkato-Raps auf “Newcomer des Jahres” über Hochgeschwindigkeits-Übungen auf “Weiter” bis hin zu “Dynamit!”, wo Samy mehr den Master of Ceremony im ursprünglichen Sinne als den Rapper gibt, schöpft er sein gesamtes Repertoire aus. Mein Favorit – neben “Boombox” natürlich – bleibt aber “Komma Klar”, auf dem Samy im ultra-arroganten und endlos genervten Tonfall seinem persönlichen Stan klar macht, dass der Baus jetzt keinen Bock mehr auf Quatschen hat, wenn es doch mit den Frauen im Club so viel zu besprechen gibt. “Und ich schwör es bei dem Namen meiner Mutter, wenn du schlau bist legst du niemals den Arm um meine Schulter”.

Ausfälle sind auch nach dem siebten Durchlauf nicht auszumachen. Zugegeben, “Bis Hierher”, die Reminiszenz an vergangene Tage mitsamt etwas nervigem Leierflow hätte es nicht zwingend gebraucht, und “Ab Und Zu” will auch nicht so recht zünden. Bei den restlichen Tracks allerdings haben Samy, Tropf und DJ Dynamite die Meßlatte für die kommenden Deutschrap-Schwergewichte in 2008 (wie zum Beispiel Sido oder Curse) verdammt hoch gelegt. Klar, der beinharte Mongo Clikke-Fan, der immer noch nicht verstanden hat, dass 2000 schon eine Weile vorbei ist, wird von diesem Album (wieder mal) enttäuscht sein. Wer sich jedoch von seiner Erwartungshaltung lösen kann und nicht wie viele Kritiker der allzu offensichtlichen Versuchung erliegt, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, der wird eine Menge Spaß mit “TNT” haben. Das nächste Album aber bitte vor 2016. Wir sehen uns dann auf der Tour.

09/10

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Dynamite Deluxe: “TNT”

Singles: “Boombox”; “Dynamit!”

(flo)

Chris Read – The Diary

Allgemein, HipHop, Review No Comments

Chris Reads

Eigentlich sollte ich für meine Bio- und Chemieklausuren lernen, ich nehme mir jedoch kurz Zeit, um auf eine einmalige MixCD hinzuweisen. Der britische DJ Chris Read, bekannt aus der BBC-Radioshow “1Xtra”, hat mit “The Diary”, die bezeichnenderweise den Untertitel “The Worlds Greatest Rap Megamix” trägt, einen echten MixCD Klassiker veröffentlicht. Er mixt sehr smooth das Beste von 1979 – 2007 zusammen. Und mit “Das Beste” ist straighter Rapscheiss gemeint, keine Clubmucke a la Young Jeezy und Konsorten. Die insgesamt 801 Tracks auf etwa 76 Minuten sind allesamt als Classic Records zu bezeichnen; wenn man mal angefangen hat, die CD anzuhören, kann man nicht mehr aufhören, da sich immer – vor allem gegen Ende – eine gewisse Spannung aufbaut, was er noch als Nächstes auspacken könnte. Das Ganze ist eine nette Geschichtsstunde, vor allem auch für die jüngeren Leser. Herr Reads zeigt auch beträchtliche Mixing-Skills, da es nicht einfach ist, ca. zehn Tracks/Minute zu spielen und das Ganze zu einem Easy Listening-Gesamtwerk zu verschmelzen. Nebenbei arbeitet er noch mit vielen Layers: “Sound Of Da Police” über Jerus “Come Clean”und “I Got 5 On It”, sowas will der geneigte Nerd hören :D . Meine Empfehlung ist: Holt euch das Ganze, weil es eine sehr runde Mischung und gute Demonstration von DJ-Skills ist; entweder als CD über HHV.de (support the DJ), oder als Download von seiner Labelsite(klick me). Hier ist auch noch die “Handy Haters FAQ” ganz lustig zu lesen und es gibt ein Booklet als PDF. Ich werde mir das ganze als CD bestellen, weil es sich wirklich um ein schönes Stück Musikgeschichte gemixt handelt.

(Martin)

Review: Lupe Fiasco – “Lupe Fiasco’s The Cool”

HipHop, Review No Comments

Lupe Fiasco ist für mich die Überraschung des HipHop-Jahres 2007. Nun ist das bei einem so ereignislosen Jahrgang wie dem letzten keine Schwierigkeit, aber erinnern wir uns: 2006 schlägt der 25-Jährige aus Chicago ein Angebot aus, sein Debütalbum “Lupe Fiasco’s Food & Liquor” über Def Jam zu releasen, was viele Beobachter für bescheuert mutig halten. Das Album kommt schließlich über einen Joint Venture-Deal seines eigenen Labels 1st & 15th mit Atlantic und floppt gnadenlos. Sein Labelpartner und Co-CEO Charles “Chilly” Patton kassiert nebenbei noch 44 Jahre für Drogengeschäfte, was auch die Zukunft von 1st & 15th nicht unwesentlich gefährdet. Und genau dieser Lupe Fiasco steigt mit seiner zweiten Platte mal eben auf Platz 14 in den USA ein?

Viel ist ja im Vorfeld geschrieben worden über die grundlegende Konzeption von “The Cool”. Im Wesentlichen spinnt Lupe darauf die Figur des Michael Young History weiter, dessen Charakter er bereits auf seinem Debütalbum einführte. Michael bekommt mit “The Streets” und “The Game” zwei weitere Figuren an die Seite gestellt, die als Inkarnation des Coolen auftreten und dessem Werdegang bestimmen. Oder um es mit Michael zu sagen: “Streets got my heart, Game got my soul.” Das alles ist genauso kompliziert, wie es klingt, und wir sind noch nicht mal bei den Details angekommen. Man muss jedoch konstatieren, dass “The Cool” nicht das angekündigte Konzeptalbum geworden ist; es ist mehr ein Andeutung dessen. Klar, es gibt diese Tracks wie “Superstar”, “Paris, Tokyo”, “HipHop Saved My Life”  oder “The Coolest”, die sich mit dem Leben des Hustlers Michael Young History beschäftigen und dessen Werdegang from nothing to something und wieder to nothing nachzeichnen. “Lord please have sympathy, and forgive Michael Young History.” Auf der anderen Seite gibt es aber auch Tracks wie die Single “Dumb It Down”, die sich ganz explizit auf den Künstler und die Medienfigur Lupe Fiasco beziehen und somit außerhalb des konzeptionellen Kontextes zu sehen sind. 

Im Vergleich zu “Food & Liquor” hat Lupe sein Soundbild nicht sonderlich variiert, aber weiterentwickelt: Immer noch pendelt der Chicago-Resident zwischen poppiger und orchestraler Untermalung, die für meinen Geschmack zu häufigen Gitarren-Einsätze des Vorgängers wichen jedoch erfreulicherweise teils bass-lastigeren, dreckigeren Beats. Seinen samtweichen, bisweilen majestätischen Flow hat Lupe präzisiert. Zeugnis dessen ist ein Track wie “Little Weapon”, das nicht nur in bedrückender Art und Weise die Themen “Kindersoldaten” und “High-School-Amokläufe” behandelt, sondern ganz nebenbei auch noch ein unfassbares Skill-Manifest abgibt: “Just five more dogs and we can get a soccer ball, that’s what my commander say [...] now I don’t know much about where I’m from,  but I know I spread fear everywhere I come.” Überhaupt gibt Lupe auf düsteren Thementracks eine bessere Figur ab als auf poppigen, verspielten Songs wie dem trotzdem unfassbar starken “Superstar” mit 1st & 15th-Neuentdeckung Matthew Santos. Das Universum rund um Mangas, Linkin Park und Skateboarden, das Image, das sich der 25-Jährige mit seinem Debütalbum aufbaute, weicht hier zunehmend einer düsteren, aber nicht hoffnungslosen Weltanschauung. “Intruder Alarm”, “Streets On Fire” oder “Put You On Game” sind jeweils unfassbare, geradezu orchestrale Stücke, die schwer verdaulich sind, während Lupe mit “The Coolest” sein ganz persönliches “Fallin’” inszeniert.

Natürlich schafft Lupe Fiasco es nicht, dieses Niveau über die gesamte Spieldauer hinweg zu halten. Dennoch bleibt “The Cool” ein durchdachtes Album voller Ideen, Details und nicht zuletzt Liebe zur Kultur, das in seinen besten Momenten ein verdammter Classic und in den schwächeren Augenblicken immer noch besser als vieles ist, was 2007 so abgeliefert wurde. Und was gerade für die Generation iPod wichtig ist, der die Konzeption des Albums egal/nicht bewusst ist: Über die gesamte Spieldauer findet sich nicht ein einziger Ausfall. Vielleicht sollte man diesen Typen wirklich besser mit Marvin Gaye oder Stevie Wonder als mit irgendwelchen Rapvögeln vergleichen.

8,5/10

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Singles: “Superstar” (feat. Matthew Santos); “Dumb It Down” (feat. Gemstones & Graham Burris)

(flo)

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