Ich hab ja bereits an der ein oder anderen Stelle zugegeben, dass ich ein klein wenig verknallt in Keyshia Cole bin. Ihr aktuelles Album “Just Like You” ist zwar eine ziemliche Frechheit, doch das hindert die 26-Jährige nicht daran, trotzdem ab und an eine echte Perle rauszuhauen. “Heaven Sent” ist so eine, und die mittlerweile auch schon ein paar Monate alte Single hat nun eine Veredelung per Remix mit Mario Winans erfahren. The GhostWriters demonstrieren dabei, wie man eine Ballade gefälligst musikalisch zu unterlegen hat: Ein organisches, harmonisches, aber dennoch interessantes Instrumental mit vielen kleinen guten Ideen bildet hier die hervorragende Untermalung für die Performance der beiden Protagonisten. Der gesangliche Part ist dank der Fähigkeiten von Keyshia und Mario dabei nur noch Formsache – die Lyrics sind von diesen Lobhudeleien natürlich explizit ausgenommen, aber auf die achtet ja zum Glück keiner. Trotzdem: So und nicht anders hat sich eine Ballade anzuhören, dann hör sogar ich mir das an. Vielleicht bin ich aber auch einfach bloß ein größeres Weichei geworden.
Keyshia Cole feat. Mario Winans – “Heaven Sent” (RMX)
Auch The Game hat sich beim jüngsten, aus “L.A.X.” geleakten Streich mit einem waschechten Schmusesänger zusammengetan. “Camera Phone” featured nämlich Ne-Yo, ist aber dank der gewissenhaften Arbeit von J.R. Rotem mehr in Compton als auf dem “Save The Last Dance 2″-Soundtrack zu verorten. J zu dem R hat nämlich einen ultra-reduzierten Drum-Stomper zusammengeschraubt, der nur von einer ziemlich fiesen Bassline im Refrain komplementiert wird. Währenddessen diskutieren Game und Ne-Yo über Frauen, Kamerahandys sowie über Möglichkeiten, wie sich Frauen und Kamerahandys am besten kombinieren lassen. Also, wenn ich das richtig verstanden habe. Die Dope Boys sind im Gebäude.
Was kann es pünktlich zum Beginn der Woche Schöneres geben als wütende Todesdrohungen? Das dachte sich wohl auch Ex-Floetry-Chanteuse Marsha Ambrosius, deren frisch geleakter Song “RIP, It’s Over” der Vorbote für das noch dieses Jahr erscheinende Soloalbum sein könnte. Auf einem Sample, über das schon der große Notorious B.I.G. auf “What’s Beef” (wie passend) spuckte, macht Marsha ihrem Ex-Lover klar, dass er für sie gestorben ist: “Better hit the floor / before I make the evening news.” Wow, da ist jemand angepisst. Großartige Nummer auf jeden Fall, die allerdings auch ein wenig dazu beiträgt, dass ich so langsam ernsthafte Angst vor Frauen bekomme. Ich mein, zuerst schmeisst Jazmine Sullivan Scheiben ein, und jetzt wetzt auch noch Marsha die Messer – was geht da? Ich lass meine Freundin jedensfalls nicht mehr in die Wohnung, so viel steht fest.
Jazmine Sullivan hat zwar immer noch kein Album, aber lebt immerhin noch. Auf der MySpace-Page der 20-Jährigen aus Philadelphia ist bereits seit geraumer Zeit ein Snippet zum Song “Bust Your Windows” zu hören, und jetzt ist der Track endlich in voller Länge im Netz aufgetaucht. Das Verdikt lautet weiterhin: Großartig. Auf einem klassisch bis jazzig angehauchten, zurückhaltenden Instrumental informiert Jazmine ihren imaginären Ex-Lover darüber, dass sie ein wenig Sachbeschädigung an seinem Auto betrieben hat, wegen verletzten Gefühlen und so: “I must admit it helped a little bit / to think of how you feel when you saw it.” Stimmlich agiert Jazmine längst in einer Liga mit den ganz Großen des Geschäfts, so dass die Vergleiche mit Künstlern wie Jill Scott zwangsläufig irgendwann kommen mussten. Nur das mit den zerschmetterten Scheiben ist nicht nett. Aber so sind Frauen eben: Erst Steine werfen, dann Fragen stellen.
Jazmine Sullivan – “Bust Your Windows”
Außerdem super: Die erste Single von Joe Rilla aus seinem neuen Album “Deutschrap Hooligan”. “Fremder Bruder” ist eine düstere und pessimistische Abrechnung mit dem Rapgeschäft sowie sonstigen Mitmenschen und gleichzeitig ziemlich Gerät. Bemerkenswert ist bei dem Ostberliner ja seit jeher, wie er es trotz seiner unüberhörbaren technischen Limitiertheit schafft, eine derart eindringliche Stimmung zu schaffen und was für kluge Aussagen er in seinen ultra-simplen Reimen transportiert: “Hier in meiner Gegend hassen sie dich / denn hier in meiner Gegend hassen sie sich.” Ernsthaft, das ist ungefähr so wie Beats mit Holzlöffeln bauen.
Im HipHop-Altersheim flüstert man sich ja seit längerem, dass all die Legenden, die dieses Jahr mal wieder ein Comeback versuchen, sich in erstaunlich guter Form befinden. Pete Rock hat eines der bislang stärksten Alben des Jahres released, die neue Single von LL Cool J ist auch nicht ganz verkehrt, und sogar die letzte Platte von KRS-One war zumindest besser als alles, was er dieses Jahrzehnt sonst so fabriziert hat. Nun versucht auch Large Professor, seines Zeichens Mitglied und Produzent der legendären New Yorker Old School-Crew Main Source, mal wieder an die begehrten, wenn auch immer kleiner werdenden Fleischtöpfe der Industrie heranzukommen. Der 36-Jährige New Yorker, dem oft die Entdeckung von Nas zugeschrieben wird, wird diesen Sommer sein neues Album “Main Source” releasen – ich nehme an, der Professor hat nur deswegen diesen Titel gewählt, damit ihn niemand versehentlich für einen Newcomer hält. Tatsächlich klingt der erste geleakte Track “The Intro” nämlich frisch und überraschend spaßig. Ein gelooptes Gitarren-Sample, treibende Drums und eine hungrige Performance – hier passt alles.
Large Professor – “The Intro”
Vor einigen Monaten war ich ja noch am Rätselraten, warum die Verantwortlichen bei Def Jam Records plötzlich so einen Müll wie “Take A Bow” als Rihanna-Single auskoppeln, wo doch jeder vorherige Release der 20-Jährigen eine echte Bombe war. Nun hab ich die Antwort: Die hauen jetzt einfach alles als Single raus. “Rehab” wird die sage und schreibe achte Single aus “Good Girl Gone Bad” sein (wenn auch nur UK-exklusiv), und langsam nimmt die ganze Sache ja echt dreiste Züge an. Klar, “Rehab” ist ein guter, radiotauglicher Popsong mit balladeskem Einschlag, auch wenn er leider nichts mit den gleichnamigen Großtaten der Winehouse gemeinsam hat – aber so viele gute Songs waren wirklich nicht auf dem Album, als dass man die jetzt alle als Singe auskoppeln müsste. Aber solange jeder Release Top 20 macht, würde ich genauso handeln. Ich werde einem Kapitalisten bestimmt nicht vorschreiben, wie er seine Arbeit zu machen hat. On that note: Ich würde ja wirklich gerne mal die Menschen kennen lernen, die 50 Euro für acht Rihanna-Maxis ausgeben, anstatt sich einfach für einen Zehner das Album bei Amazon zu holen.
OK, ich geb’s ja zu. Ich war ja anfangs echt skeptisch. Aber Santogold hat es wirklich geschafft, einen ordentlichen Hype um sich herum zu erzeugen, und das auch zu recht. Denn an dem starken, selbstbetitelten Debütalbum der 32-Jährigen war einfach kein Vorbeikommen. Das Rauschen im Blätterwald hält immer noch an (wobei man sich eigentlich sicher sein kann, dass der Hype vorbei ist, sobald man in der “NEON” Erwähnung findet), da feuert Santi White nun ihre dritte Single raus, zu der natürlich auch bald das dazugehörige Video folgen soll. Ich hätte mir zwar eher den brillianten, M.I.A.-esken “You’ll Find A Way”-Remix oder die Garagenrock-Nummer “Say Aha” gewünscht, aber ich hab ja nichts zu sagen. Sei’s drum, denn auch “Lights Out” ist ein toller Song, der nicht nur einmal an Santi’s erklärte Lieblingsband, die Yeah Yeah Yeahs, erinnert. Tatsächlich ist der Track eine wilde Mischung aus Eighties-New-Wave mitsamt den wunderbar klebrigen Synthie-Gitarren sowie einem Pop-Punk-Ansatz modernerer Prägung, der Santi White seit ihren Tagen als Mitglied der Punkband “Stiffed” nicht mehr fremd sein dürfte. Um’s kurz zu machen: Gutes Ding.
Santogold – “Lights Out”
Eine weitere Überraschung kommt aus New York, denn Joe Budden stand bislang nicht auf meiner Liste amerikanischer Rapper, die aus dem Stehgreif einen der stärksten Tracks des Jahres fabrizieren können. Nun ist aber genau das passiert, denn “Who (Part 1)” ist ein Song geworden, den die HipHop-Gemeinde zur Standortbestimmung dringend gebraucht hat. Auf dem Instrumental von Marvin Gaye‘s “Inner City Blues” (meiner Meinung nach der beste Marvin-Song überhaupt) stellt sich Joe nicht die oft diskutierte Frage, ob HipHop tot ist, sondern wer ihn getötet hat. Natürlich ist das Quatsch, denn man kann keinen Mörder finden, wo kein Mord war. Nichtsdestotrotz sind das hier 05:48 Minuten ungefilterte Wahrheit aus dem Mund eines hörbar wütenden Protagonisten, der in diesem Geschäft ja auch schon einiges mitmachen musste. “And you really don’t know shit / if you think the fans put the videos on 106.”