So ein bisschen Sommerloch haben wir momentan ja schon im lustigen HipHop-Musikantenstadl. Die ganze Aufregung um Nas war letztenendes doch nur heiße Luft um nichts, “T.O.S.” ist so schlecht geworden, wie es sich alle G-G-G-G-G-Unot-Fundamentalisten gewünscht haben, und das Lil’ Wayne-Album hielt den Erwartungen stand, ist aber auch schon wieder einige Wochen her. Wenigstens The Game gibt es noch, denn Jayceon Taylor ist immer für aberwitzige Geschichten gut – aber eben auch für gute Songs. Das kürzlich geleakte “My Life” aus dem kommenden Album “L.A.X.” ist wieder so einer und bietet ehrliche Einblicke in das Befinden des 28-Jährigen: “Take me away from the hood like a state penitentiary / Take me away from the hood in the casket or a Bentley / Take me away like I overdose from cocaine / Take me away like a bullet from Kurt Cobain”. Selten war so deutlich, dass wir es längst nicht mehr mit dem krassen Rapfan mit dem noch krasseren Talent und Hunger zu tun haben, dessen einziges Ziel es war, Compton auf die Landkarte zurückzubringen, sondern mit einem um einige Erfahrungen reicheren Künstler, auf die er wohl lieber verzichtet hätte. “Walk through the gates of Hell, see my Impala parked in front.” Der Refrain featured dann noch Lil’ Wayne, der sich diesmal ausschließlich als Bluessänger mit Vocoder-Support betätigt – und seinen Job überraschend gut macht. Rappen? Pfff, das ist sowas von frühe Neunziger!
Als Super Special Happy Bonus Feature gibt es hier noch das offizielle Video zum stetig wachsenden “Dope Boys” mit Ex-Blink 182-Drummer Travis Barker. Aber ganz ehrlich, ich finde die inoffizielle Version so lustig, dass ich mir die neue noch nicht mal angeschaut habe.
The Game feat. Lil’ Wayne – “My Life”
The Game feat. Travis Barker – “Dope Boys” (Official Video)
Der Typ ist und bleibt ein Phänomen. In Zeiten, in denen die meisten Bediensteten in der Musikindustrie nicht mehr wissen, wie eine siebenstellige Zahl überhaupt aussieht, setzt Lil’ Wayne mal eben über eine Million Kopien von “Tha Carter III” ab – alleine in den USA und alleine in der ersten Woche. Interessant dabei ist, dass Dwayne Carter sich weiterhin eine gesunde No-Bullshit-Attitüde bewahrt hat. Denn wie sonst ist zu erklären, dass die nächste Single ausgerechnet “A Milli” ist, seines Zeichens der interessanteste, aber am wenigsten massenkompatible Song des Albums? Nun muss man zu dem Track leider wissen, dass die Album-Version nichts ist im Vergleich zum Original, das auf dem grandiosen “Da Drought Is Over”-Mixtape kursierte – ein wenig Enttäuschung ist also vorprogrammiert. Denn während Weezy sich auf der Mixtape-Version noch wie vom Affen gebissen von Zeile zu Zeile hangelte und generell wie ein komplett Wahnsinniger klang, wirkt das hier alles ein wenig müde und uninspiriert. Lobend hervorzuheben ist allerdings das interessante Konzept des Videos, in dem Wayne einfach in der Drehpause eines anderen Videoshoots zu sehen ist. Auch wenn diese rote Hose natürlich überhaupt nicht geht.
Lil’ Wayne – “A Milli” (Video)
Geschätzte drei Milliarden Mixtapes sind mir heute in den Posteingang gespült worden, von denen ich die besten natürlich umgehend weiterreichen will. Da hätten wir zum einen The Kid Daytona, der ein äußerst ambitioniertes Projekt für alle Freunde der alten Schule auf die Beine gestellt hat. Auf “A Tribe Called Fresh” interpretiert der New Yorker mit der Hilfe einiger prominenter Freunde die größten Hits von – richtig geraten, A Tribe Called Quest. Wer sich einen Eindruck davon verschaffen möchte, mit wie viel Respekt und Liebe zum Detail hier vorgegangen wurde, dem sei das Video zu “Stressed Out ’08″ empfohlen, auf dem nicht nur Exilbritin Estelle beeindruckend souverän den Part von Faith Evans übernimmt, sondern auch die frisch wiedervereinigten Capone-N-Noreaga ein paar Zeilen droppen.
In Frankfurt hat derweil der stets spendable DJ Kitsune eine wahre Mixtape-Offensive begonnen. Auf djkitsune.com hat der Shadyville-DJ bereits zwei absolut hörenswerte Mixtapes mit Sommerhits aus den ’80ern bzw. ’90ern online gestellt, ein weiteres soll folgen. Worum es in dem dann geht? Schwer zu erraten…
Last but auf keinen Fall least wäre hier noch DJ Drama zu nennen, dem in Sachen Gemischtkassetten ja auch Geben oftmals seliger denn Nehmen ist. Für die neueste Ausgabe seiner “Gangsta Grillz”-Serie namens “The City Is In Good Hands” hat sich der DJ aus Atlanta die Hilfe von niemand geringerem als Vocoderpromoter-Countrysänger-Monknebendarsteller-und-ja-manchmal-auch-noch-Rapper Snoop Dogg gesichert. Raw Shit!
“I did a song / to make it known that the king lives on.” Nein, keine Sorge, T.I. ist nicht plötzlich unter die Minnesänger gegangen. Vielmehr behandelt Clifford Harris in “No Matter What”, der ersten Single aus dem am neunten September erscheinenden Album “Paper Trail” seine Vergangenheit von den Trapper-Tagen bis hin zum millionenschweren MC, lässt dabei auch tief in sein Innerstes blicken und kommt dabei natürlich nicht ohne Seitenhiebe auf gewisse Hater aus, die im Nebenberuf prominente Rapper sind. Produziert ist der Song von Timbalands Assistenten Danja, auch bekannt als bestbezahlter Studiogehilfe der Welt, der T.I.P. einen langsamen Orgel-Schmeichler mit Synthie-Einschlag spendiert hat. Auffällig dabei ist, wie sehr sich die Stimme des Trapmuzikanten von den vorherigen Releases unterscheidet – im Gegensatz zum samtweichen Bariton von Songs wie “What You Know” klingt er plötzlich wie eine Mischung aus DJ Quik und Franky Kubrick. Mit Erkältung. Nichtsdestotrotz natürlich Bombe, das alles. Das Video ist zweckmäßig, aber unterstreicht den Vibe des Songs sehr gut. Ob dieser Aufzug-Schrägstrich-Käfig, in dem T.I. die Hälfte des Clips verbringt, irgendetwas mit seinem Hausarrest zu tun hat, sei dabei einmal dahingestellt.
T.I. – “No Matter What” (Video)
Währenddessen nutzt The Game die kurzen Wege in der Promimetropole Los Angeles, indem er für seine neue Single “Dope Boys” kurzerhand Travis Barker verpflichtet, dem ja durchaus eine gewisse Rap-Affinität nachgesagt wird. Tatsächlich schafft es der Ex-Blink 182-Drummer, das schwere Instrumental (mit Beatles-Sample!) angemessen zu veredeln, während Game wieder seine patentierte Mischung aus Selbstbeweihräucherung und OldSchool-Referenzen bemüht. Unter’m Strich ist “Dope Boyz” also eigentlich nur ein in jeder Hinsicht schlechteres “99 Problems” – aber das ergibt eben immer noch einen guten Track. Besonders lustig ist auch das “Video”, in dem sich Travis einen Wolf drummt und Game nur stoisch daneben steht und zu allem Überfluß auch noch sein Gesicht mit einem Bandana verhüllt. Wird der Typ etwa schon wieder von der Polizei gesucht?
The Game feat. Travis Barker – “Dope Boys” (Video)
Apropos “99 Problems”: Selbstverständlich wäre dieser Eintrag nicht komplett, wenn er nicht Footage von Jay-Z‘s Auftritt auf dem Glastonbury Festival enthalten würde, auf dem der God MC mit einem Cover von Oasis‘ “Wonderwall” Noel Gallagher ein metaphorisches “Fuck You” entgegenbringt. Classic.
Hach, dieser verführerische Blick! Dieses smarte Lächeln! Und erst diese blauen Augen! Zugegeben, Robin Thicke ist ganz klar einer für die Damen. Dem gemeinen, männlichen HipHop-Hörer dürfte der 31-Jährige Songwriter und Produzent spätestens seit den Kollaborationen mit Pharrell und 50 Cent positiv in Erinnerung sein. Für sein am ersten Juli erscheinendes drittes Album “Something Else” hat Thicke jedoch die vollkommene Absenz von Gästen angekündigt – das Ding will er anscheinend alleine durchziehen. Nach der ersten Single zu urteilen, hat er auch gar keine fremde Hilfe nötig, denn “Magic” ist bereits jetzt einer der heißesten Kandidaten für meinen Sommerhit des Jahres. Auf einem jazzigen Uptempo-Instrumental mit Live-Feeling legt der Frauenschwarm eine mehr als smoothe Performance hin, die nicht nur einmal an Marvin Gaye erinnert. Und das ist als Kompliment gemeint. Trotzdem gilt: Finger weg, Ladies! Der Mann ist verheiratet.
Robin Thicke – “Magic”
Wo wir gerade beim weiblichen Geschlecht sind: Oberarm-Tätowierungen und weiße Muscle-Shirts sind Dinge, die an Männern meistens schon reichlich dämlich aussehen, an Frauen aber erst recht nicht klar gehen. Warum Keyshia Cole trotzdem super ist? So ganz zufriedenstellend kann ich die Frage auch nicht beantworten. Ich mein, die hat nicht mal ein gutes Album unter ihrem (knackigen) Hintern! Womöglich liegt es an der Stimme der 26-Jährigen, die zwar nicht immer gerade Töne produziert, aber auch deswegen immer wieder interessante, frische Momente erzeugt. Nun hat sich die Sängerin aus Oakland daran gemacht, die neue Single von The Game zu veredeln, der mit dem voran gegangenen “Big Dreams” einen mehr als mißglückten Comeback-Versuch hingelegt (siehe hier) und daher auch einiges wieder gut zu machen hat. “Pain” ist lyrisch gesehen wieder um ein Vielfaches unsubtiler geraten, als man es von Jayceon Taylor gewohnt ist: Hat Game in der Vergangenheit seine OldSchool-Referenzen nur als sympathisches Gimmick benutzt, strickt er nun einfach einen kompletten Song daraus. “Public Enemy and NWA / is all my boombox had to say”. In Kombination mit Keyshia’s emotionalem Refrain, Game’s atemlosem Flow und dem melancholischen Instrumental ergibt das aber tatsächlich einen guten Song – ich bin mir nur noch nicht sicher, ob das nun für oder gegen den Mann von der Westküste spricht.
Dass namhafte Größen des amerikanischen Rapgeschäfts einen bisweilen… seltsamen Musikgeschmack haben, zeigte sich erstmals auf Timbaland‘s Album “Shock Value”, als Monsieur Mosley unter anderem mit Fall Out Boy, Elton John, OneRepublic und The Hives zusammen arbeitete. Auch Coldplay-Frontmann Chris Martin hat jenseits des Teichs prominente Fans – tatsächlich ist die Verehrung für den Briten so groß, dass Jay-Z und Kanye West in einen ausgewachsenen Zickenkrieg darüber gerieten, wer denn nun als erstes die Idee für einen gemeinsamen Track mit ihm gehabt hätte. Die Kanye-Kollabo “Homecoming” ist nun als dritte Single aus “Graduation” ausgekoppelt worden und hat ein gewohnt künstlerisches Video im Schwarz-Weiß-Look erhalten, unter anderem mit lustigen Silhouetten-Spielchen, Feuerwerken und einem Chris Martin, der stoisch immer wieder denselben Loop in die Klaviatur hämmert. Inhaltlich behandelt Kanye in dem Song seine Beziehung zu seiner Heimatstadt Chicago, indem er sie in die Rolle einer Frau schlüpfen lässt – ähnlich wie Common‘s I Used To Love H.E.R. also. Lyrisch gehört der Song zweifelsohne zum Besten, was Yeezy auf “Graduation” zustande gebracht hat, nur musikalisch geht mir der Track schwer auf den Sack. Vor allem diese permanent im Hintergrund eingestreute Geräuschkulisse finde ich irre nervig – als ich den Song das erste Mal in der U-Bahn gehört habe, dachte ich ständig, hinter mir stünde eine ganze Schulklasse. Davon abgesehen ist “Homecoming” allerdings ein akzeptables Stück Grenzüberschreitung geworden, und solange The Game nicht auf die Idee kommt, einen Song mit seinem erklärten Lieblingssänger James Blunt aufzunehmen, befindet sich auch noch alles im Rahmen.
Kanye West feat. Chris Martin – “Homecoming” (Video)
Es ist ein Problem, das mir nur zu gut bekannt ist: Da hat man wichtige HipHop-Dinge wie im Plattenladen shoppen, im Studio aufnehmen oder im Internet haten zu tun, aber die Gespielin will einfach nicht von einem ablassen. Blu & Exile, die Kritikerlieblinge aus Los Angeles, nehmen sich in ihrem neuen Video “Blu Collar Workers” (aus dem Album “Below The Heavens”) dieser schwierigen Thematik an und zeigen anhand des Protagonisten, wie die Prioritäten gefälligst zu setzen sind: “Please don’t take it personal, but I gotta go and work some more.” Das Ganze wird auf einem herrlich schiefen Soul-Teppich aus der MPC von Exile ausgebreitet, so dass ich eigentlich gar nicht anders kann als restlos begeistert sein. Und real wie sonst nichts ist der Song sowieso.